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Nachbericht

Enthüllung der Legendenschilder

Auf Initiative des Stadtbezirksrates Ahlem-Badenstedt-Davenstedt wurde am 30. Juni 2017 das Baugebiet An der Gartenbauschule im Stadtteil Ahlem mit Legendenschildern ausgestattet.

Symbolisch hat Bezirksbürgermeister Rainer Göbel mit Frau Sabine Dudda das Schild in der Straße An der Gartenbauschule offiziell enthüllt.

Das Baugebiet wird durch fünf Straßen verkehrlich erschlossen. Ein ausschließlich fußläufig zu passierender Weg verbindet zudem die Straße An der Laubhütte mit dem Berta-Makowski-Anger.

Der Stadtbezirksrat hat die finanziellen Mittel für die Legendenschilder bereit gestellt.

Namensgeber der Straßen:

An der Gartenbauschule

Die Straße liegt im Bereich der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, 1893 von dem jüdischen Bankier und Hobbygärtner Moritz Simon unter dem Namen "Israelitische Erziehungsanstalt" gegründet. Jüdische Jugendliche wurden hier in Gartenbau und weiteren praktischen Berufen ausgebildet. Angegliedert war eine Volksschule für Mädchen und Jungen.

Die Ausbildungsstätte erlangte in vier Jahrzehnten einen internationalen Ruf. Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 engagierte sich die Schule sofort bei der Vorbereitung junger Juden für die Auswanderung, vor allem nach Palästina. Das brachte ihr einen neuen Aufschwung und sicherte die Existenz der Schule.

Für ihre Angehörigen bot sie einen Schutzraum auf Zeit. Das Gelände der Gartenbauschule wurde im Herbst 1941 zur zentralen Sammelstelle für die Deportation der Juden aus dem Bereich der Gestapoleitstelle Hannover bestimmt. Zwischen Dezember 1941 und Januar 1944 wurden hier über 2.000 Juden aus dem gesamten südlichen Niedersachsen zusammengezogen, bevor sie in insgesamt sieben Transporten über den Bahnhof Fischerhof in Linden deportiert wurden.

Von Ahlem aus nahmen die Transporte in die Ghettos und Vernichtungslager des Ostens ihren Ausgang. Auf behördliche Anordnung musste in Ahlem wie an allen jüdischen Schulen der Unterricht zum 30. Juni 1942 eingestellt werden.

An der Laubhütte

Zur Begehung des Laubhüttenfestes (Sukkot) im Rahmen des Erntedanks wurde eine feste Laubhütte auf dem Gelände errichtet. Die Nationalsozialisten nutzten die Hütte als Hinrichtungsstätte für die Inhaftierten des Ersatzgefängnisses und brannten sie 1945 nieder.

Anna-Turgonska-Anger

Anna Turgonska wurde am 10. Februar 1926 in Percha geboren. Sie war im Polizei-Ersatzgefängnis inhaftiert, welches 1943 im ehemaligen Direktorenhaus auf dem Gelände der Gartenbauschule eingerichtet worden war. Frau Turgonska war die erste Zwangsarbeiterin, die nachweislich in Ahlem von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Sie starb am 2. März 1945 im Alter von 19 Jahren.

Henriette-Gottschalk-Anger

Henriette Gottschalk wurde als Kind der Familie Rothschild am 5. Oktober 1849 in Köln geboren. Sie heiratete Louis Gottschalk, Besitzer einer Privatbank in der heutigen Rathenaustraße/An der Börse, der 1914 verstarb. 1941 zwang man die damals 90jährige zum Umzug in ein so genanntes Judenhaus, die Sammellager für Jüdinnen und Juden als Vorstufe und zur Organisation der anschließenden Deportation. Vom Judenhaus in der Brabeckstraße über das in der Ellernstraße wurde sie schließlich nach Ahlem verbracht und von dort am 23. Juli 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Hier starb sie am 20. Oktober 1942.

Berta-Makowski-Anger

Am 2. April 1910 wurde Berta Heinemann in Hamburg geboren. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zieht die jüdische Familie nach Hannover. Bereits als Kind im Alter von etwa zwölf Jahren wird sie durch ihren Vater und Bruder für Politik interessiert. Ab Mitte der 20er Jahre nimmt sie aktiv am politisch-sozialen Leben teil. In einem jüdischen Kindergarten absolviert sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Mit 19 Jahren heiratet sie am 3. November 1929 Valentin Makowski.

Aufgrund der politischen Situation reist sie mit ihrer Familie 1934 nach Paris aus. Ihr Ehemann blieb in Deutschland und bewegt sie 1936 zur Rückkehr. Frau Makowski muss in der KZ Außenstelle Ahlem arbeiten, ist jedoch nicht im Judenhaus interniert und kann weiter bei ihrem Mann leben. Durch einen glücklichen Umstand wird sie später entlassen. Am 1. Februar 1945 ist sie zur Deportation ins Konzentrationslager Theresienstadt vorgesehen, kann sich dem jedoch dank der Unterstützung verschiedener Verbündeter entziehen und überlebt den Nationalsozialismus. Am 17. November 1988 verstirbt Berta Makowski in Hannover.

Berta-Weiß-Weg

Sintizza Berta Biboldo wurde am 28. Juni 1923 in Willebadessen geboren und zog 1933 mit ihrer Familie nach Hannover. Nach Einschulungen in mehreren hannoverschen Schulen wurde Berta Biboldo an der Schule am Lindener Markt aufgenommen, bis ihr auch dort 1937 wegen ihrer Herkunft das weitere Lernen versagt wurde. 1940 zog man Berta Biboldo zur Zwangsarbeit zunächst für die Firma Varta heran, der noch viele weitere Betriebe als Verpflichtungsstätten folgten. Frau Biboldo wurde kurzzeitig im Ersatzgefängnis in Ahlem inhaftiert.

Nach der Befreiung 1945 heiratete sie Wilhelm Weiß. Frau Weiß ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti e.V. Sie machte es sich zur Aufgabe, über den Völkermord an den Sinti aufzuklären.

Neben einer Vielzahl von Vorträgen an Schulen hat sie auch bis zu ihrem Tod am 29. April 2000 über Jahrzehnte in der Gedenkstätte Ahlem referiert und Führungen gegeben. Für Ihre Verdienste wurde sie am 22. Dezember 1994 mit dem Niedersächsischen Verdienstorden ausgezeichnet.

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