Bibliothek behauptet sich in Pandemie

Stadtbibliothek Hannover zieht trotz Corona positive Bilanz

Die Corona-Pandemie hat die Stadtbibliothek Hannover vor unerwartete Herausforderungen gestellt. 2020 kam es zu insgesamt zu 16 Wochen Schließzeit der Stadtbibliotheken Hannover. Dennoch ist die Bilanz insgesamt positiv. Die Zahl der Entleihungen lag bei 4.463.577 (2019: 4.562.965). Diese Zahl ist in Anbetracht eines Rückgangs der Besuche um 42 Prozent von 1.544.887 in 2019 auf 895.820 in 2020 bemerkenswert.

Jennifer Rohde, stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek Hannover, mit dem humanoiden StaBi-Roboter. 

"Die Stadtbibliothek profitiert davon, dass sie bereits 2009 digitale Medien im Angebot eingeführt hat und diese Angebote in den vergangenen Jahren konsequent ausgebaut hat. Als sich die zweite Schließung abzeichnete, haben die Kund*innen im Wissen um einen langen Lockdown zudem vorgesorgt und trugen volle Tüten und Taschen mit Medien aus den Bibliotheken", bilanziert Jennifer Rohde, stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek Hannover.

Digitale Angebote

Online-Kataloge, der Online-Blick ins eigene Ausleihkonto, Online-Vormerkungen, ein Auftritt unter hannover.de für die neuesten Informationen und Zugang zu digitalen Medien (E-Books, E-Zeitschriften, Film- und Musikstreamingdienste) sind seit vielen Jahren eingeführte Dienstleistungen. Die Nachfrage nach digitalen Medien stieg mit dem ersten Lockdown rasant an: Im März und April wurden kurzfristig rund 35 Prozent mehr E-Books entliehen als im Vorjahr. Die Anzahl der Nutzer*innen erhöhte sich ebenfalls rund 18 Prozent, wobei viele neue Kund*innen gewonnen wurden. Möglich war dies auch durch ein vereinfachtes Anmeldeverfahren, das nun telefonisch abgewickelt werden musste.

Die E-Book-Kund*innen sind ein Querschnitt der Bevölkerung. Viele nutzen analoge und digitale Medien, je nachdem, welche Medien in ihre Lebenslage passt. Viele ältere Menschen genießen den Komfort, mit einem E-Book-Reader Schriftbild und -größe anzupassen. Anders als analog leihen die meisten Kund*innen Belletristik aus, gefolgt von Kinder- und Jugendbüchern und Sachmedien. Lange Zeit spielten E-Books für Kinder und Jugendliche eine untergeordnete Rolle – sie holen allerdings immer mehr auf und haben 2020 zum ersten Mal bei den Ausleihen die Sachbücher überholt. Das Angebot an E-Books für Kinder hat sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich verbessert. Durch die überraschenden Schulschließungen waren von Schüler*innen kurzfristig Aufgabensammlungen für Mathematik, Deutsch und Englisch gefragt, aber auch Bastelanleitungen und Freizeitbeschäftigungen für zuhause.

Für alle Kund*innen gibt es bei Fragen zur Technik zwei Mal wöchentlich E-Reader-Sprechstunden. In der Schließzeit ist diese Beratung ausgeweitet worden, nun ganztags von 11 bis 18 Uhr - telefonisch oder per E-Mail.

"Die Devise ist bis heute: Wenn die Stadtbibliothek schon nicht persönlich für die Besucher*innen da sein kann, dann doch wenigstens am Telefon von Montag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr und digital rund um die Uhr", betont Rohde den Servicegedanken.

Dazu gehört, dass die Außenrückgabe in der Zentralbibliothek, die direkt von der Straße aus erreichbar ist, auf 24-Stunden-Betrieb umgestellt wurde. Auch die IuK-Dienste wurden aufrechterhalten und, da ein Ansturm auf die Online-Angebote zu erwarteten war, wurde hierhin zusätzliches Personal abgeordnet. Die Social-Media-Präsenz (Facebook, Twitter, Instagram) wurde ausgeweitet, der Internetauftritt aktualisiert und um einige Seiten erweitert. Unter "Lesen kann viel Spaß machen" sind zum Beispiel eine ganze Reihe Links für Eltern versammelt.

In allen Stadtteilbibliotheken kann ein Bestell- und Abholservice genutzt werden.

Virtuell und in 3-D

Virtual Reality – in der Stadtbibliothek Hannover kann regelmäßig die VR-Brille ausprobiert werden. Interessenten kommen aus unterschiedlichen Motiven: Kinder lieben den Gaming-Aspekt und wollen sich spielerisch in der virtuellen Welt beweisen. Technikinteressierte junge Leute informieren sich über zur Verfügung stehenden Kapazitäten und Rechnerleistungen. Ältere Menschen oft aus Neugier, weil sie von dieser Technik bisher nur durch Berichterstattungen in Presse und TV gehört haben.

Für den 3-D-Drucker gibt es ein Schulungskonzept unter dem Titel "Die Lizenz zum Drucken". Nach einer intensiven Einführung in die Handhabung des 3-D-Druckers sollen die teilnehmenden Personen berechtigt werden, selbständig eigene Produkte herzustellen und sich entsprechende Zeitfenster zu reservieren. 2021 soll das Konzept umgesetzt werden.

Im Sommer haben Schüler*innen im Rahmen des JULIUS Clubs einen Workshop gemacht und den 3-D-Drucker ausprobiert. Es konnte die 3-D-Konstruktion in einfacher Form erlernt werden, kleine Kreationen zum Mitnehmen entstanden.

Stadtbibliothek in Zahlen

  • Neuanmeldungen: 8.022 Personen.
  • Benutzer*innen insgesamt: 63.026, aktiv 40.564 Kund*innen.
  • Wie viele neue Medien wurden 2020 gekauft? 92.380.
  • Wie viele Titel wurden 2020 makuliert (also ausgesondert)? 104.000 Medien.
  • Medienbestand insgesamt: 1.071.671.
  • Bestand Digitale Medien: 50.005.

Trends und Themen

Im Sachbuch war Corona das bestimmende Thema. Zuerst interessierten die medizinischen Fragen, wenig später wuchs der Informationsbedarf zu Home-Office und Home-Schooling, zum Beispiel digitale Medien im Unterricht, Videokonferenzen einrichten. Außerdem gefragt waren Strategien wie: "Wie kann ich meine Firma von analog auf digital umstellen?", "wie Veranstaltungen online organisieren?" Dabei schätzen die Menschen die gut strukturierten Informationen in Büchern. Verlage und Lektor*innen sichten, bewerten Links und leisten damit wertvolle Arbeit.

Ein ungewöhnliches Buchhighlight in 2020: "Unsichtbare Frauen" von Caroline Criado-Perez. Die britische Journalistin weist anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen Ländern und Kulturen für Arbeitsleben, Medizin, Stadtplanung, Wohnungsbau, Flüchtlingsbetreuung nach, dass bei der wissenschaftlichen Datenerhebung Frauen komplett ausgeblendet wurden ("Gender Data Gap").

Die Bedrohung der Demokratie beschäftigt viele Menschen. Rassismus, Antisemitismus, Rechtsradikalismus und Mittel zur Stärkung der Demokratie werden kontrovers diskutiert. Gleiches gilt für die Themen Kolonialismus, Eurozentrismus und die Restitution. Gesucht werden Definitionen und Fakten, weil viele Fragen im Raum stehen: "Wie begegne ich alternativen Fakten, wie reagiere ich auf Verschwörungserzählungen?"

Ein weiterer Trend ist, dass die Beurteilung, von wem Informationen eigentlich stammen oder wo etwas ideologisch herkommt, zunehmend schwieriger wird.  So haben Unternehmen und Konzerne oftmals die PR-Strategie, ihre Botschaften als "Storytelling" verdeckt zu übermitteln. Oder über sogenannte "Thinktanks" mit selbst initiierten Studien und offiziell wirkenden Webseiten. Es ist nicht mehr einfach, auf die eigentlichen Urheber*innen zu kommen. Die Vermittlung von Informationen, zum Beispiel für Schüler*innen, ist also um einiges schwieriger geworden. "Diese Entwicklung zeigt auch, wie wichtig die Vermittlung von Informationskompetenz ist", betont Rohde.

Bei Kindern beliebt

Bei den Kindermedien dominieren Sachbücher zu den Themen Umweltschutz, Bienen und Insekten, Biografien und MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). In der erzählenden Literatur setzt sich der Trend der Vorjahre fort: Kinder lesen Klassiker. "Gregs Tagebuch" bleibt ein Renner, die "Schule der magischen Tiere", alle "Pettersson und Findus"-Titel sowie die Geschichten des hannoverschen Schriftstellers Ingo Siegner. Außerdem waren Tonies extrem nachgefragt, daneben TipTois im Sachbuchbereich.

Leseförderung – 2020 auf neuen Wegen

Die Verbesserung der Lese- und Sprachkompetenz ist weiterhin eine zentrale Aufgabe der Bibliotheksarbeit. Eltern und Großeltern für das Vorlesen zu begeistern, gelingt beim Bilderbuch-Sonntag. Die zwölfte Ausgabe fand am 9. Februar 2020 im Pavillon statt und war mit 2.600 kleinen und großen Gästen sehr gut besucht. Die Kooperation mit dem Lesenetzwerk sorgt jedes Jahr für ein spannendes Begleitprogramm. Viele von den dauerhaft eingeführten Formaten "Babys in der Bibliothek", Bilderbuchkinos, Erzähl- und Puppentheater konnten aufgrund der Pandemie nicht wie gewohnt stattfinden.

Im Laufe des Jahres wurden stattdessen virtuelle Vorleseaktionen über die Homepage gesendet, unter anderem hat Oberbürgermeister Belit Onay zum Vorlesetag im November über die Bedeutung des Vorlesens gesprochen und ein kleines Gedicht vorgetragen.

Ältere Kinder und Jugendliche (11 bis 14 Jahre) haben in den Sommerferien am JULIUS-Club teilgenommen. Die Club-Mitglieder wählen zwischen 100 aktuellen Buchtiteln aus. Wer mindestens zwei Bücher liest und bespricht, erhält ein JULIUS-Club-Diplom, das sich die Teilnehmenden im Zeugnis vermerken lassen können. Die VGH-Stiftung fördert dieses Programm. 2020 war das Interesse groß, da viele Kinder nicht verreisen konnten.

Humanoider Roboter – neu in der Stadtbibliothek Hannover

Am Tag der Bibliotheken am 24. Oktober ist der kleine neue Roboter der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Er soll Kund*innen bei der Orientierung helfen und ihnen Fragen zur Nutzung der Bibliothek beantworten. Mit Unterstützung der Kolleg*innen der Stadtbibliothek wird er im Laufe seines Einsatzes stetig dazulernen. Die Stadtbibliothek geht mit dieser Innovation den ersten Schritt beim Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). Das Ziel ist, den Kund*innen zu zeigen, wie KI funktioniert, wie sie eingesetzt werden kann, sie gemeinsam auszuprobieren und dazuzulernen. Die Öffentlichkeit war aufgerufen, einen Namen für den Android vorzuschlagen. Durch die Schließung der Bibliothek wird dies 2021 nachgeholt.

Zwei Stadtteilbibliotheken mit verbesserter Aufenthaltsqualität

Nachdem 2019 der Erwachsenen- und Jugendbereich der Stadtbibliothek Kleefeld neugestaltet wurde, folgte 2020 die Kinderbibliothek mit einer optischen Auffrischung. Eine Kombination aus modernen Regalen, vielen Sitzmöbeln und renovierten Einbauwandregalen erhöhen zukünftig die Aufenthaltsqualität und bewahren zugleich den ursprünglichen Charakter der Bibliothek.

Die Besucher*innen der Stadtbibliothek Ricklingen dürfen sich nach der Wiedereröffnung über komplett umgestaltete Räume freuen. Neben modernen Regalen zur Medienpräsentation wurde die Bibliothek mit zahlreichen Sitzmöbeln als ein Treffpunkt für alle konzipiert, der zur Entspannung, Begegnung und Vernetzung, Aktivität und Neugier einlädt. Ebenso bietet die Stadtbibliothek Ricklingen, als zweite Zweigstelle nach Vahrenwald, ihren Kund*innen zukünftig eine Medienrückgabebox an. Dieser erweiterte Service außerhalb der Öffnungszeiten konnte durch die Corona-Einschränkungen 2020 noch nicht in Betrieb genommen werden.

Kooperation mit den Schulen

Mit der Plattform www.schulen-hannover.de hat die Stadt Hannover eine Lern- und Austauschplattform für Schüler*innen und Lehrkräfte geschaffen, die datenschutzrechtliche Anforderungen erfüllt und vorrangig für das Home-Schooling und die schulische Kommunikation genutzt werden soll. Mittlerweile wurden alle hannoverschen Schulen im Rahmen des Medienentwicklungsplans an dieses Schulportal angeschlossen. Im Rahmen einer Kooperation sind die digitalen Angebote der Stadtbibliothek Hannover auf dieser Plattform integriert. Zwei einführende Video-Tutorials sind erstellt, sodass das Angebot im März implementiert werden kann. Die Schüler*innen und Lehrkräfte werden über die Nutzung informiert und sollen unkompliziert und pragmatisch die erforderlichen Bibliotheks-Einwahldaten erhalten. Damit bietet die Stadtbibliothek allen hannoverschen Schüler*innen und Lehrkräften einen kostenlosen Zugang zu ihren digitalen Angeboten und leistet so einen Beitrag zur Chancengleichheit im Bildungsbereich.

Provenienzforschung fortgesetzt

Die Suche nach NS-Raubgut in den Buchbeständen der Stadtbibliothek wird weiter fortgesetzt. Mittlerweile konnten rund 5.700 Bücher auf ihre Herkunft hin geprüft werden, in bislang 48 Fällen wurde der NS-Raubgut-Verdacht bereits eindeutig bestätigt. Die betreffenden Bücher stammen aus jüdischem Besitz.

Im Herbst 2020 nahm ein bisher erfolglos verlaufener Recherchefall eine unerwartete Wendung: Dank eines privaten Hinweises konnte Kontakt zu dem Erben der als Jüdin verfolgten Berliner Ärztin Dr. Johanna Maaß (1873-1940) aufgenommen werden. Dieser wünscht die Rückgabe der vier Bücher und fünf losen Exlibris seiner Urgroßtante, die Restitution ist in Vorbereitung.

Ein überraschendes Geschenk für die Zentralbibliothek

Der Hannah-Arendt-Raum in der Stadtbibliothek Hannover ist 2018 völlig neu konzipiert worden. 2020 konnte mit großzügiger Unterstützung der VGH-Stiftung ein Hannah-Arendt-Porträt des Fotografen Fred Stein aus dem Jahre 1951 erworben werden. Dieses außergewöhnliche Porträt wird den Raum sehr bereichern.

Strategische Ziele überarbeitet

Die Stadtbibliothek hat ihre vor fünf Jahren formulierten Strategischen Ziele kritisch durchgesehen und neue Handlungsfelder skizziert. Gesellschaftliche Veränderungen, technische Neuerungen und die wachsende Digitalisierung haben Auswirkungen auf die Arbeit Öffentlicher Bibliotheken. Die veränderten Erwartungen des Publikums werden weiter Einfluss auf die Bibliotheksarbeit nehmen.

Die Freunde der Stadtbibliothek Hannover e. V.

Der sehr aktive Verein unterstützt die Stadtbibliothek besonders im Bereich der Leseförderung, finanziert außergewöhnliche Projekte in den Stadtteilbibliotheken und für die Zentralbibliothek unter anderem das Veranstaltungsprogramm "Stadtbibliothek aufgeschlossen".

Ausblick

Nach zehn Jahren im Betrieb benötigt die Zentralbibliothek eine neue Mediensortieranlage, um die zurückgegebenen Medien auf die unterschiedlichen Etagen im Haus sowie auf die Stadtteilbibliotheken zuordnen zu können. Das Beteiligungsverfahren zur Umgestaltung des Stadtteilzentrums Döhren wird 2021 fortgeführt. Geplant ist, dass dort die Stadtbibliothek Döhren mit einziehen wird. In der Stadtbibliothek Herrenhausen wird an der Umsetzung von BibliothekPlus weitergearbeitet. Damit können Kund*innen dort in Zukunft auch an zusätzlichen Öffnungsstunden ohne Personal Medien ausleihen. Im Planungsverfahren rund um die IGS Bothfeld ist die Stadtbibliothek ebenfalls vertreten. Baubeginn soll 2023 sein, eine neue moderne Bibliothek soll entstehen.
Nach mehr als 40 Dienstjahren hat sich die Direktorin Dr. Carola Schelle-Wolff von der Stadtbibliothek Hannover verabschiedet. Ein*e neue*r Chef*in wird 2021 ihre Nachfolge antreten.