Positive Bilanz:

Theaterformen 2021 beendet

Das Festival Theaterformen 2021 ist zu Ende – und die Veranstalter ziehen mit Blick auf eine Auslastung von 96 Prozent der Aufführungen eine durchweg positive Bilanz.

Das Stadtlabor an der Raschplatzhochstraße bot elf Tage lang Kunst und Kultur mitten in der City.

Im Rahmen des Festivals wurden elf Bühnenstücke gezeigt, von denen sieben Uraufführungen waren. Besondere Aufmerksamkeit zog das für elf Tage eingerichtete Stadtlabor auf der Raschplatzhochstraße auf sich: Unter dem Motto Klimagerechtigkeit beherbergte das Stadtlabor über 30 hannoversche Initiativen und Arbeiten von Kunstschaffenden mit Behinderung sowie indigenen Künstlerinnen und Künstlern. Mit mehr als 80 Veranstaltungen – dazu gehörten Tanzworkshops, Vorträge, Performances und DJ-Sets – und über 8400 Teilnehmenden, die unter Einhaltung der Hygieneregeln auf der Hochstraße über elf Festivaltage verteilt zusammen kamen, zieht das Festival auch für diesen außergewöhnlichen Standort in der Stadt eine positive Bilanz. 

"Inspiriert, irritiert und in den Bann gezogen"

Über ihre erste Festivalausgabe sagt die gebürtige Hannoveranerin und künstlerische Leiterin Anna Mülter: „Diese Ausgabe der Theaterformen hat gezeigt, welche Kraft Imagination und Kreativität nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Stadtraum entfalten kann. Elf internationale Künstler*innen haben das Publikum mit ihren außergewöhnlichen Stücken inspiriert, irritiert und in den Bann gezogen. Das Stadtlabor hat nicht nur auf der Raschplatzhochstraße, sondern in der ganzen Stadt eine Diskussion um Klimagerechtigkeit und die gesellschaftliche Rolle der Kunst entzündet. Uns wurde große Neugier und Offenheit entgegengebracht, auch von Menschen, die ich sonst selten im Theater sehe. Ein großes Kompliment an die Stadt und ihre Bürger*innen, dass sie sich für dieses Experiment begeistert und es mit Leben gefüllt haben. Diese Unterbrechung des Alltags und des Stadtraum durch die visionäre architektonische Skulptur wird langfristige Auswirkungen haben. Hannover hat gezeigt, dass hier Außergewöhnliches möglich ist, und ich freue mich gemeinsam weiter die Zukunft dieser Stadt zu gestalten.“

Stadtlabor

"We are in this together, but we are not the same" lautete das Motto auf der Raschplatzhochstraße. Zu den beteiligten Initiativen, die im dortigen Stadtlabor zu mehr Klimagerechtigkeit vertreten waren, gehörten beispielsweise Ökoststadt e.V. (Stadtteilspaziergang) und Prisma Queer Migrants e.V., die mit "Hungry for Justice" eine Performance zeigten. Auch das Theaterprojekt der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen in Kooperation mit der Theaterwerkstatt Bethel gehörte zum elftägigen Programm, das insgesamt rund 80 Veranstaltungen umfasste. Kooperationspartner*innen waren darüber hinaus das Snntg! Festival, das Fuchsbau Festival, Feinkost Lampe und das queer-feministische DJ-Kollektiv soft spot, die das Hochstraßen-Publikum zum Tanzen brachten. Die Workshops Let’s Talk About Alliances von Arpana Berndt und Mine Wenzel und das World Café von IDiRa luden zum Austausch und zur Diskussion ein. Am 15. Juli war die Rechtsanwältin und Klimaaktivistin Yi Yi Prue aus Bangladesch zu Gast. Prue hatte 2020 eine erfolgreiche Verfassungsbeschwerde von insgesamt 15 betroffenen Personen aus Südasien gegen die deutsche Klimapolitik eingereicht. In ihrem Vortrag sprach sie über den Zusammenhang von Diskriminierung, Bildungs- und Gesundheitsnotstand sowie Erwerbslosigkeit in Bezug auf die Klimakrise.

Das DJ-Kollektiv soft spot brachte das Publikum zum Tanzen.

Künstlerische Arbeiten kamen unter anderem von der behinderten Künstlerin Claire Cunningham und der Wissenschaftlerin für Disability Studies Prof. Julia Watts Belser. Zu ihrer Serie "We Run Like Rivers" gehörten Audiostücke, die Ideen von Wildnis, Zeit und Energie aus einer behinderten Perspektive schilderten. In der Arbeit "Kipaé - Ancestral Weaving" brachten wiederum Denilson Baniwa und Naine Terena Projektionen und Klangkunst überein. Zusammen mit Jamille Pinheiro Dias und Flávio Fêo war es ihr Anliegen, auf Umwelt- und soziale Probleme des brasilianischen Amazonasgebiet aufmerksam zu machen. Highlight war Baniwas Lichtinstallation, die den Fernsehturm mit amazonischen Pflanzen, Tieren und spirituellen Wesen bespielte.
Die künstlerisch-architektonische Intervention auf der Hochstraße, deren Form und Funktion Bezug auf die Initiativen und Künstler*innen genommen hatte, wurde vom hannoverschen Stadtmacher*innen-Kollektiv endboss realisiert. Der verspiegelte Überbau zog nicht nur viele Blicke auf sich, sondern erzeugte mit der Fläche, die den Himmel, Bäume und die Umgebung spiegelte, ein symbolträchtiges Bild und einen Bruch in der Brücke am Raschplatz.

Auf der Bühne

Eröffnet wurde das Festival am 8. Juli im Schauspielhaus mit einer Uraufführung der argentinischen Theatermacherin Lola Arias. "Ich bin nicht tot" entstand gemeinsam mit hannoverschen Senior*innen und Pflegekräften. Als Kooperation mit dem Schauspiel Hannover ist das Stück in der kommenden Spielzeit in Hannover zu sehen – die nächsten Vorstellungen finden am 15. und 16. Oktober 2021 statt.
"How To Turn To Stone" von Manuela Infante begeisterte Publikum und Presse. "Die chilenische Regisseurin Manuela Infante gehört zu den wichtigsten Stimmen in der internationalen Theaterszene", meint Anna Mülter. Mit ihrer ganz eigenen Interpretation des Dokumentartheaters verleiht sie diesem oftmals dem Fetisch der Authentizität verhafteten Genre eine unerwartete Poesie. Der sich musikalisch in Schichten überlagernde Text hat eine Sogwirkung entfaltet, der sich das Publikum kaum entziehen konnte", so die künstlerische Leiterin weiter über Infantes Arbeit, die am ersten Festivalwochenende im Ballhof Eins zu sehen war.
Auf der Bühne im Schauspielhaus kam die One-On-One Performance "Stay A Little Longer (Or How Did We Get Here?)" von Noëmi Lakmaier zur Uraufführung. Das Stück lud das Publikum ein zu einem Moment der Gemeinsamkeit in einem unwirtlichen Raum, in den wie in einer riesigen Sanduhr stetig Sand rieselte. Das Finale und grenzüberschreitende Highlight "TANZ" von Florentina Holzinger, beschloss das Festival letztlich.

Das Festival Theaterformen 2021 ist eine Veranstaltung der Niedersächsischen Staatstheater Hannover GmbH und wird gefördert durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Landeshauptstadt Hannover und die Stiftung Niedersachsen. Das Stadtlabor "We are in this together, but we are not the same" wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes. Das nächste Festival Theaterformen findet vom 30. Juni bis 10. Juli 2022 in Braunschweig statt
(Veröffentlicht am 19. Juli 2021)