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MHH-Kardiologie

Kompetenz bei schwanger­schaftsbedingter Herzschwäche

Experten der Medizinischen Hochschule Hannover haben 2019 sieben Studien zum Thema veröffentlicht und neue Zusammenhänge mit Krebs entdeckt.

Die peripartale Herzschwäche (PPCM) ist eine Erkrankung des Herzens, die Frauen wenige Wochen vor oder nach der Geburt eines Kindes treffen kann. Sie tritt zwar selten auf, ist aber lebensbedrohlich. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die betroffenen Frauen von kompetenten Ärztinnen und Ärzten betreut werden. Die Klinik für Kardiologie und Angiologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ist das europaweit führende PPCM-Zentrum: Seit über zehn Jahren wird die Erkrankung dort erforscht und Patientinnen werden in einem multiprofessionellen Team einschließlich Kardiologen, Geburtsmedizinern und Neonatologen betreut. In diesem Jahr veröffentlichten die Expertinnen und Experten sieben Studien in angesehenen Fachmagazinen. Ein Ergebnis der wissenschaftlichen Untersuchungen ist, dass Frauen mit PPCM ein erhöhtes Risiko haben, auch an Krebs zu erkranken.

Eine von 1.500 bis 2.000 Schwangeren betroffen 

Die schwangerschaftsbedingte Herzschwäche tritt im letzten Schwangerschaftsmonat oder in den ersten Monaten nach der Geburt auf. Binnen kurzer Zeit kann sie zu schwerem Herzversagen und sogar zum Tode führen. Die Symptome: Abgeschlagenheit, Atemnot, Husten, Gewichtszunahme, besonders durch Wassereinlagerungen in Lunge und Beinen, sowie Herzrasen. "Da diese Symptome eher unspezifisch auch bei Frauen ohne PPCM während und nach der Schwangerschaft auftreten können, wird die Erkrankung oft verzögert diagnostiziert", betont Professor Dr. Johann Bauersachs, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie. Etwa eine von 1.500 bis 2.000 Schwangeren ist von einer PPCM betroffen. "Gut die Hälfte der erkrankten Frauen erholt sich nach einer medikamentösen Therapie wieder komplett", erklärt Professor Bauersachs. Eine stabile Genesung zeigen auch erste Langzeitstudien. Sie weisen aber auch auf bleibende oder neu erworbene Erkrankungen hin, die langjährige medikamentöse Therapien erfordern.

Zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse

Der Klinikdirektor und Professorin Dr. Denise Hilfiker-Kleiner, die die Professur für molekulare Kardiologie innehat, haben mit ihren Teams bereits zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse über die seltene Erkrankung veröffentlicht. Sie gelten europaweit als Experten der PPCM. Professor Bauersachs hat gemeinsam mit seiner südafrikanischen Kollegin Professorin Karen Sliwa den Vorsitz der Studiengruppe PPCM in der European Society of Cardiology inne. In diesem Jahr veröffentlichte er das Positionspapier der Gesellschaft zur peripartalen Herzschwäche. Das Papier fasst den aktuellen Wissensstand über Ursachen, Symptome, Risikofaktoren, Diagnose und Therapie der PPCM zusammen.

Europaweit größtes Register mit PPCM-Patientinnen

Die Klinik für Kardiologie und Angiologie führt das europaweit größte Register mit PPCM-Patientinnen. "Dort werden Daten und Biomaterialien, beispielsweise Blut, von rund 300 betroffenen Frauen gesammelt, beforscht und ausgewertet, um neue Erkenntnisse zu erlangen und so langfristig die Therapie weiter zu verbessern", erläutert Dr. Dominik Berliner, Oberarzt der Klinik. Innerhalb dieses Registers werden viele Patientinnen über mehrere Jahre hinweg beobachtet. In einer aktuellen Studie veröffentlichten die Wissenschaftler Ergebnisse eines noch andauernden achtjährigen Langzeit-Follow-ups von insgesamt 66 PPCM-Patientinnen.

Forschungsergebnisse fließen in Behandlung ein

Eine dieser Patientinnen ist die Politikerin Julia Hamburg. Sie ist Abgeordnete von Bündnis 90 /Die Grünen im Landtag Niedersachsen und erkrankte 2013 - kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes - an der peripartalen Herzschwäche. Als sie in die MHH kam war sie schwerstkrank, doch dank präziser Diagnose und richtiger Behandlung erholte sie sich wieder ganz. "Die Behandlungen  werden permanent mit unseren Forschungsergebnissen abgeglichen. Die PPCM-Patientinnen profitieren also unmittelbar von unseren wissenschaftlichen Studien", erläutert Dr. Tobias Pfeffer, Assistenzarzt in der Kardiologie.

Dem stressigen Berufsalltag gewachsen

Julia Hamburg ist heute dem stressigen Berufsalltag einer Politikerin voll gewachsen. "Ich hatte großes Glück und bin dafür sehr dankbar", sagt Julia Hamburg. "In der MHH werden PPCM-Patientinnen intensiv und gut betreut, dazu gehört auch eine psychosoziale Begleitung." Schwangeren Frauen, die an sich Symptome der PPCM feststellen, rät sie, bei Ärzten beharrlich zu sein und einen Herzultraschall einzufordern. "Das ist eine sehr unkomplizierte Untersuchung, durch die aber die Erkrankung diagnostiziert werden kann." 

Risikopatientinnen sollten Herzultraschall machen lassen

Professorin Hilfiker-Kleiner, die in der Vergangenheit unter anderem ein Spaltprodukt des Stillhormons Prolactin als Auslöser für die PPCM ausgemacht hatte, machte jetzt auf Grundlage des Patientinnen-Registers eine weitere interessante Entdeckung. "PPCM-Patientinnen tragen ein etwa 15-fach höheres Krebsrisiko als Frauen ohne PPCM", erklärt die Wissenschaftlerin. Die Gefahr bezieht sich vor allem auf Brustkrebs, aber auch auf andere Krebsarten wie Leukämien, Knochen-, Darm- und Hautkrebs. Umgekehrt besteht das Risiko aber ebenfalls. "Unsere Analysen zeigen, dass eine Krebsbehandlungen vor einer Schwangerschaft auch zu einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine PPCM führen kann", sagt Professorin Hilfiker-Kleiner. Deshalb ihr Appell: "Frauen, die eine Krebsbehandlung hinter sich haben und eine Schwangerschaft planen, sollten unbedingt vor, während und nach der Schwangerschaft ein Herzultraschall bei einem Kardiologen durchführen lassen." Zurzeit untersucht das Team um Professorin Hilfiker-Kleiner, ob es einen genetischen Zusammenhang zwischen PPCM und Krebs gibt.

Hervorragende Behandlungsergebnisse  

Durch die enge Verknüpfung von Forschung und Krankenversorgung kann die Klinik für Kardiologie und Angiologie hervorragende Behandlungsergebnisse vorweisen: Von den 66 Patientinnen des Langzeit-Follow ups starb über den bisher beobachteten Zeitraum von fünf Jahren nur eine Frau, einer weiteren musste ein sogenanntes Kunstherz, ein Herzunterstützungssystem, implantiert werden. Zum Vergleich: In den USA starben während nur eines Jahres vier von 91 Patientinnen. 

(Veröffentlicht am 2. Dezember 2019)