Besonderes Augenmerk gilt den Verbindungen zur Plantage Hanover in Suriname, wodurch die Ausstellung über die Stadtgrenzen hinausblickt und historische Zusammenhänge anschaulich macht. In beiden Orten lebten und wirkten Schwarze Menschen, deren Geschichten und Perspektiven jedoch lange Zeit übersehen und verdrängt wurden.
In sechs Beiträgen zeigen die Co-Kurator*innen, was sie mit Hannover verbinden. Sie machen koloniale Verflechtungen sichtbar und fragen nach unserer Verantwortung. Sie zeigen, wie Schwarze Menschen in den 1980er-Jahren Hannover zu ihrem Lebens- und Arbeitsort machten. Sie beschreiben ihre Erfahrungen von Ausgrenzung und Andersmachung. Sie sprechen über Trauma und Wege der Heilung. Außerdem erkunden sie gemeinsam mit jungen Menschen Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Heimat.
Die Ausstellung eröffnet einen Raum, in dem Schwarzes Leben kein Zusatz ist, sondern gelebte Selbstverständlichkeit.
Schon im Rahmen des Black History Month im vergangenen Jahr hat das Historische Museum Hannover diesen partizipativen Prozess begonnen: Den Auftakt bildete ein Workshop am 27. Februar 2025, in dem unter unterschiedlichen Fragestellungen die Sichtbarkeit der Geschichte Schwarzer Menschen in Hannover thematisiert und diskutiert wurde.
Im Herbst begann dann die intensive Arbeitsphase der Projektgruppe: Dabei kamen die Co-Kurator*innen der Ausstellung zusammen und begaben sich in einen Erkundungsprozess. Im Zentrum standen die Fragen: Was bedeutet Schwarze Geschichte in Hannover für mich? Wie erlebe ich Schwarzsein in Hannover? Was beschäftigt mich aktuell in meinem Alltag als Schwarze Person?
In den vergangenen sechs Monaten entwickelten die Co-Kurator*innen ihre eigenen Themen und erarbeiteten ihre vielfältigen Antworten auf diese Fragen.
Das Museumsteam, die Kuratorin und der Gestalter der Ausstellung unterstützten sie in diesem Entstehungsprozess.
„Gemeinsam kuratiert“ beziehungsweise partizipativ bedeutet dabei, dass Menschen nicht nur zuschauen, sondern aktiv mitgestalten und mitmachen: Wissen, Erfahrungen und Perspektiven vieler Menschen fließen in die Ausstellung ein, und Entscheidungen zu Inhalten, Gestaltung sowie Ausstellungstexten werden gemeinsam getroffen. So entsteht eine Ausstellung, die verschiedene Sichtweisen sichtbar macht und gemeinsam mit Hannoveraner*innen entwickelt wird.
Teil dieses gemeinsamen Prozesses war auch die Entscheidung über den Ausstellungstitel „Unsere Hannover: Schwarze Geschichten“, der verdeutlicht, dass unterschiedliche Perspektiven auf die Stadt sowie vielfältige persönliche Lebenserfahrungen im Mittelpunkt stehen.
Wie funktioniert so ein Prozess? Er lebt von der Bereitschaft einzelner Menschen, sich aktiv ehrenamtlich einzubringen und den gesamten Weg der Entstehung mitzugehen. Jede*r bringt dabei eigene Ideen, Geschichten oder auch Objekte ein, die persönliche Perspektiven sichtbar machen. Gemeinsam werden daraus die Schwerpunkte der Ausstellung entwickelt sowie Gestaltung, Texte und Titel abgestimmt. Die Inhalte der einzelnen Lebensgeschichten sind von den Co-Kurator*innen selbst entwickelt worden.
1. Wo kommst du her? – Gedanken einer Afro-Kubanerin in Deutschland (Sandra Álvarez Ramírez)
Diese Audioarbeit thematisiert die Erfahrung, dass Schwarze Menschen in Deutschland häufig nicht als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden. Alltägliche Fragen oder subtile Formen der Ausgrenzung können Zugehörigkeit infrage stellen und langfristige emotionale Belastungen erzeugen. Gleichzeitig zeigt der Beitrag unterschiedliche Strategien des Umgangs.
2. 40 Jahre Afroshops in Hannover (Erica Frimpong, Brenda Davina)
Seit der Eröffnung des ersten Afroshops 1986 haben solche Geschäfte eine wichtige soziale und kulturelle Funktion für Schwarze Communities in Hannover übernommen. Sie boten nicht nur Zugang zu vertrauten Produkten, sondern entwickelten sich zu Orten der Begegnung und gegenseitigen Unterstützung. Die Geschichte der beiden Gründer, Michael Adusei und Appiah Danquah, steht exemplarisch für Schwarzes Unternehmertum und gemeinschaftliche Selbstorganisation.
3. Mein Weg vom Trauma zur Heilung
Ein persönliches Podcast-Gespräch reflektiert den Umgang mit Trauma im Kontext afrikanischer Diaspora-Erfahrungen. Dabei wird deutlich, dass traumatische Belastungen oft wenig benannt werden und dennoch über Generationen hinweg fortwirken können. Der Beitrag zeigt zugleich Wege individueller Verarbeitung, etwa durch therapeutische Unterstützung und Spiritualität, und versteht sich als ermutigender Impuls zur Selbstfürsorge.
4. Unsere Vorfahren und die Versklaverei (Patrick Mijnals)
Eine audiovisuelle Installation stellt eine historische Verbindung zwischen Hannover und der Plantage „Hanover“ in Suriname her. Auf Grundlage von Archivmaterial und persönlicher Familiengeschichte werden koloniale Wirtschaftsstrukturen und ihre lokalen Bezüge sichtbar gemacht. Zugleich wird aufgezeigt, wie ehemals versklavte Menschen Handlungsmacht zurückgewinnen konnten. Dadurch wird deutlich, wie eng lokale Geschichte mit globalen historischen Prozessen verbunden ist.
5. Unsere Spuren in die Zukunft (Ndey Bassine Jammeh-Siegel)
Ein Empowerment-Workshop mit Kindern rückte Fragen nach Stärken, Zukunftswünschen und gesellschaftlicher Teilhabe in den Mittelpunkt. Durch kreative Ausdrucksformen entstand ein gemeinschaftliches Kunstwerk, das Vielfalt sichtbar macht und Zusammengehörigkeit betont. Der Prozess förderte Selbstbewusstsein, gegenseitige Anerkennung und einen positiven Blick auf gemeinsame Zukunftsperspektiven.
6. Spuren der Heimat – Here I am (Elli Mariyama Manneh)
In einem Schreibworkshop setzten sich afrodiasporische Jugendliche intensiv mit Fragen von Heimat, Identität und Zugehörigkeit auseinander. Der Austausch über kulturelle Erfahrungen und Rassismus schuf einen geschützten Reflexionsraum, der selbst als Form von Heimat erlebt wurde. Die entstandenen Texte geben persönliche Einblicke und erweitern die Ausstellung um wichtige jugendliche Perspektiven.
Das Historische Museum bleibt wegen umfangreicher Umbau- und Sanierungsarbeiten für mehrere Jahre geschlossen. In dieser Zeit entwickelt das Museumsteam eine neue Dauerausstellung.
Dadurch entsteht die Chance, die Geschichte der Stadt aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen – damit sich künftig möglichst viele Menschen in Hannover im Historischen Museum wiederfinden können.
Über viele Lebensgeschichten lässt sich bisher kaum etwas sagen, und auch in den Sammlungen sind zahlreiche Menschen und Perspektiven noch nicht sichtbar. Wir stehen hier ganz am Anfang. Ein erster Schritt war das „Leerstellenprojekt“, mit dem das Leben Schwarzer Menschen in Hannover im Kiosk thematisiert und sichtbar gemacht wurde.
In der Sammlung finden sich Objekte und Bilder, die mit Schwarzer Geschichte verbunden sind. Viele dieser Stücke zeigen jedoch rassistische Darstellungen oder tragen problematische Bedeutungen. Sie stammen oft aus früheren Jahrhunderten – etwa aus dem 18. Jahrhundert, als Hannover durch den Handel mit Waren wie Tee und Kaffee (zum Beispiel Tee Seeger oder Machwitz Kaffee) mit dem Kolonialismus verknüpft war. Über das Leben Schwarzer Menschen in den vergangenen Jahrzehnten sind bislang keine Objekte im Besitz. Ziel ist es, mit diesem Projekt anzufangen, diese Lücken zu schließen.
Das Historische Museum Hannover will das Stadtmuseum für alle Hannoveraner*innen sein. Um das zu erreichen, sind noch viele Leerstellen zu füllen. Wie sollte Stadtgeschichte im 21. Jahrhundert erzählt werden? Welche Geschichten wurden noch nicht erzählt? Welche Communities bilden sich bisher noch nicht in den musealen Ausstellungen und Sammlungen ab? Wessen Perspektive wurde in der Museumsarbeit bisher zu wenig beachtet? Wie kann ein Stadtmuseum zu einem relevanten Ort für möglichst viele verschiedene Menschen werden?
Das Historische Museum versteht die Auseinandersetzung mit dieser Leerstelle als kontinuierlichen Arbeitsprozess. Regelmäßig nimmt sich das Museumsteam verschiedene dieser „Leerstellen“ vor und bearbeitet sie gemeinsam mit interessierten Menschen aus der Stadtgesellschaft. Die Ergebnisse werden im Hannover Kiosk präsentiert und fließen in die Entwicklung des neuen Historischen Museums Hannover als inklusiver, dialogorientierter Ort ein.
Ein erstes Leerstellenprojekt wurde jetzt mit „Unsere Hannover: Schwarze Geschichten“ realisiert.
Ein vielfältiges Begleitprogramm ergänzt die Sonderausstellung; aktuelle Informationen sind über www.hannover-kiosk.de abrufbar.
7. April, ab 18 Uhr:
Empowerment und Solidarität - Umgang mit Alltagsrassismus zwischen Schutzraum und Lernraum
Wie gehen wir mit Rassismus im Alltag um – persönlich, gesellschaftlich und solidarisch? Diese Veranstaltung eröffnet unterschiedliche Perspektiven auf Erfahrungen, Strategien und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Rassismus.
Parallel finden zwei Formate statt: Ein geschlossener Empowerment-Workshop (Safer Space) richtet sich an Menschen, die selbst von Rassismus betroffen sind. Um einen geschützten Austausch über eigene Rassismuserfahrungen zu ermöglichen, ist der Empowerment-Workshop ausschließlich für Schwarze Menschen, Indigenous People und People of Color (BIPoC) geöffnet. In diesem geschützten Rahmen geht es um Austausch, Stärkung, Resilienz und kollektive Strategien.
(Anmeldung unter black.history@hannover-stadt.de; Trainerin: Anisa Abdulaziz).
Gleichzeitig lädt ein offenes Büchercafé im Hannover Kiosk alle Interessierten zum Lesen, Stöbern und Gespräch ein. Eine kuratierte Auswahl an Literatur zu Rassismuskritik, Empowerment und gesellschaftlicher Verantwortung bietet Impulse für Reflexion und Dialog, bei Kaffee und Kuchen in entspannter Atmosphäre. Die Veranstaltung verbindet Rückzugsraum und öffentliche Auseinandersetzung, für individuelle Stärkung und gemeinsames Lernen.
12. Mai, 18 Uhr:
Rassismus & Mental Health
Rassismus wirkt – individuell, strukturell und institutionell. Neben sozialen und materiellen Folgen hat er auch Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Wiederkehrende Diskriminierungserfahrungen, Mikroaggressionen, Ausschlüsse und strukturelle Ungleichheiten können Stress, Erschöpfung und emotionale Belastungen verstärken. Gleichzeitig entwickeln Betroffene vielfältige Strategien der Resilienz, Selbstfürsorge und kollektiven Stärkung. Der Abend widmet sich den Zusammenhängen von Rassismus und mentaler Gesundheit und fragt, wie diese Wechselwirkungen besser verstanden und gesellschaftlich anerkannt werden können. Im Mittelpunkt steht ein digitaler Vortrag von Dr. Amma Yeboah (Amma Yeboah), die das Thema aus fachlicher Perspektive einordnet und Impulse für einen differenzierten Blick auf psychische Gesundheit im Kontext rassistischer Strukturen gibt.
Im Anschluss findet eine moderierte Fragerunde statt, die sowohl dem Publikum vor Ort als auch digital Zugeschalteten Raum für Austausch bietet. Die Veranstaltung ist hybrid konzipiert und kann im Museum oder online besucht werden.
Gesamtleitung:
Anne Gemeinhardt
Kuratorische Leitung:
Dr. Ismahan Wayah
Projektleitung:
Katharina Rünger (Historisches Museum Hannover)
Co-Kurator*innen:
Brenda Davina
Elli Mariyama Manneh
Erica Frimpong
Makaya Kembo
Ndey Bassine Jammeh-Siegel
Patrick Mijnals
Sandra Álvarez Ramírez
Projektteam:
Dr. Jan Willem Huntebrinker, Paula Ulbrich (Historisches Museum Hannover)
Brenda Davina (ZeitZentrumZivilcourage)
Begleitprogramm:
Modou Diedhiou (Schwarze Schafe e.V.)