Kunstprojekt: Mühlstein-Stapel für die Prinzenstraße - Hannover.de

Siegerentwurf

Kunstprojekt: Mühlstein-Stapel für die Prinzenstraße

Mächtige Mühlsteine – gestapelt und aufgespießt auf Straßenbahnmasten: Diese ungewöhnliche Skulpturenidee hat die Jury überzeugt. Ingo Vetter aus Bremen und Michelle P. Howard aus Berlin gewinnen den Kunstwettbewerb zur künstlerischen Gestaltung der innerstädtischen Prinzenstraße. Gemeinsam mit Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay stellten die Künstler*innen ihren Siegerentwurf am Dienstag (21. Juli) der Öffentlichkeit vor.

Visualisierung des Siegerentwurfs für die künstlerische Gestaltung der Prinzenstraße.

Die Landeshauptstadt Hannover hatte den Wettbewerb ausgelobt. In einem vorgeschalteten, international ausgeschriebenen Bewerbungsverfahren wurden aus rund 180 Einreichungen acht Künstler*innen für die Teilnahme am Wettbewerb ausgewählt. Das hochkarätig besetzte Preisgericht unter dem Vorsitz von Britta Peters, künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr, empfahl einstimmig, den Entwurf von Ingo Vetter und Michelle P. Howard zu realisieren.

Harte Kerne einer vergangenen Zeit

„Alte Sachen“: So lautet der Titel des Siegerentwurfs. Gemeint sind damit die Mühlsteine, die in der Prinzenstraße installiert werden sollen. Schwere, unhandliche, kaum zu bewegende Klötze, die jedoch als „Kulturgut“ an Mühlen als Vorläufer der industriellen Revolution erinnerten und damit Zeugen der ersten Mechanisierung seien: So beschreibt es der von Vetter und Howard verfasste Prospekt zu dem Kunstprojekt.  „Die Mühlen sind verschwunden, die Maschinen verrostet, die Arbeitsverhältnisse aufgelöst. Übrig geblieben sind die harten Kerne dieser Zeit. Und viel Nostalgie, regionale Verankerung, eine Art Techno-Spiritualität.“ Hannover, so heißt es weiter, sei mit seinem Umland ein wichtiges Mühlengebiet gewesen.

Wasser lässt die Steine wachsen

Der künstlerische Entwurf sieht vor, dass zunächst drei der alten Straßenbahnmasten in der Prinzenstraße mit Mühlsteinen besetzt werden sollen. Zwei davon sollen bewässert werden: Im Ergebnis wächst auf den nassen Steinen Kalktuff, auf dem eine Patina aus Algen, Flechten und Moosen im Laufe der Zeit entsteht. „Aus den alten Sachen wird etwas Neues und die Steine wachsen. Das vermeintlich tote Kulturgut wird wieder lebendig – durch Nässe“, heißt es in der Beschreibung von Vetter und Howard. Der Wassereinsatz kühlt das Umfeld und bindet Feinstaub. Dort, wo Wasser versickert, wollen die beiden Kunstschaffenden wasserspeichernde Tuffstein-Riegel platzieren. Diese können auch als Sitzgelegenheiten dienen – ebenso wie weitere in der Straße aufgesetzte Mühlsteine, die als optionale Entwurfserweiterung angedacht sind. 

Teil eines Transformationsprozesses 

Das Kunstprojekt in der Prinzenstraße ist Teil eines Transformationsprozesses, der die Lebens- und Aufenthaltsqualität in der Innenstadt verbessern soll. Die kreative Gestaltung des Stadtraums spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Die Prinzenstraße ist dabei wichtiger Teil des sogenannten „Kulturdreiecks“, mit der Staatsoper Hannover, dem Schauspiel Hannover und dem Künstlerhaus, das die Stadt als Pilotprojekt zu einem attraktiven Kulturquartier entwickeln will.

Umbau der Prinzenstraße

Derzeit baut die Stadt die Prinzenstraße um. Die bislang von Durchgangsverkehr belastete Straße, die kaum Grünanlagen hat, erhält einen neuen Charakter - als eine von Bäumen gesäumte Promenade, in der man sich gerne aufhält. Das Kunstprojekt, das voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres fertiggestellt wird, soll dazu seine ganz eigenen Akzente setzen.

Was Oberbürgermeister Belit Onay dazu sagt:

„Mich begeistern der Entwurf und die Idee dahinter. Die gestapelten Mühlsteine verbinden auf beeindruckende Weise ein Stück Geschichte von Stadt und Region mit einer außergewöhnlichen Formensprache. Der Entwurf nimmt außerdem den ökologischen Impuls der Schwammstadt auf. Beispielhaft wird mit dieser kreativen Gestaltung des öffentlichen Raums der Wandel der Innenstadt deutlich.

Bewusst ist uns aber auch, dass das Scheitern des Zisternen-Baus in der Prinzenstraße ein Rückschlag war, der mit gravierenden Belastungen für Anlieger verbunden ist. Insbesondere die entstandenen Gebäudeschäden haben Vertrauen beeinträchtigt. Diese Erfahrungen nehmen wir ernst. Und mit aller Ernsthaftigkeit bearbeitet die Stadt diese Angelegenheiten weiterhin im dafür vorgesehenen Verfahren -  unabhängig von der Vorstellung des Kunstprojekts und des Umbaus der Straße. Dabei ist uns Transparenz besonders wichtig. Ich bin mir sicher, dass wir zu akzeptablen Lösungen finden.

Die Prinzenstraße wird auf jeden Fall einen einzigartigen Charakter erhalten. Die Neugestaltung mit einem einzigartigen Kunstprojekt im Straßenraum zeigt, wie ambitioniert die Stadt ist.“

Was Kulturdezernentin Eva Bender dazu sagt:

„Stadtentwicklung durch Kultur: Das ist eine Leitidee, ein Anspruch, bei dem es um kreative Stadtraumgestaltung geht. In Hannover funktioniert das auf beeindruckende Art und Weise. Das haben wir zuletzt auf dem Opernplatz mit dem Aufbau des Pianos gesehen, in der Sophienstraße mit der Holzinger-Skulptur oder auch am Raschplatz mit dem Bodenkunstwerk. In der Prinzenstraße findet das Konzept von Kunst im öffentlichen Raum eine spektakuläre Fortsetzung. Das von Ingo Vetter und Michelle P. Howard vorgestellte Kunstprojekt wird die Prinzenstraße und das Kulturdreieck bereichern. Mich überzeugen Idee und Umsetzung. Es stiftet Identität und ist künstlerisch und ökologisch ungemein wertvoll.“

Hintergrundinformation:

Aus den mehr als 180 Einreichungen für das Bewerbungsverfahren zum  Kunstwettbewerb Prinzenstraße wurden folgende Künstlerinnen und Künstler für die Teilnahme ausgesucht:

  • Christiane Möbus (Hannover),
  • Alexandra Navratil und Ester Alemayehu Hatle (Zürich/Basel und Copenhagen),
  • Nuriye Elisabeth Tohermes (Hamburg),
  • Alona Rodeh (Berlin),
  • Klaus Weber (Berlin),
  • Ingo Vetter und Michelle P. Howard (Bremen/Berlin),
  • Sonia Leimer und Alexander Wolff (Wien/Berlin)und 
  • Atelier Van Lieshout (Rotterdam).

Über Ingo Vetter

Ingo Vetter wurde 1968 in Bensheim geboren und lebt und arbeitet in Bremen. Der Bildhauer stellt international aus und arbeitet häufig in Kooperationen mit anderen Künstler*innen. Daraus entstehen langfristige Projekte wie der Detroit Tree of Heaven Woodshop, den er seit 2005 betreibt.

Sein Interesse an Stadtplanung und Konzepten des öffentlichen Raums führte zu Beteiligungen an Forschungsprojekten wie „Shrinking Cities“ (2003 bis 2008) sowie zu Beratungstätigkeiten, unter anderem als Mitglied von Kommissionen für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum in Bremen und München.

Darüber hinaus realisierte Vetter zahlreiche Gestaltungsaufträge, darunter „Loggbok“, einen Stadtpark für Kiruna, eine Bergwerksstadt im subpolaren Norden Schwedens (2011 bis 2018), den „Horizontalturm“, einen liegenden Aussichtsturm in Mistelbach, Niederösterreich (2017), sowie „7 Hände gleichen Werts“, eine Serie von Steinskulpturen für die neue Zollhochschule in Rostock (Fertigstellung September 2026).

Aktuell haben er und Michelle Howard mit Team den Wettbewerb zu den urbanen Situationen entlang des zentralen Bahnkorridors durch Düsseldorf (RRX) gewonnen und werden das Konzept FERALcatalyst für einen ökologischen Stadtumbau ab 2026 bis ca. 2035 umsetzen.

Ingo Vetter unterrichtet als Professor für Bildhauerei an der Hochschule für Künste Bremen mit einem besonderen Fokus auf künstlerische Materialien und Produktion in der Globalisierung.

Weitere Informationen

 Auf den Homepages: https://ingovetter.com und https://klassevetter.hfk-bremen.de

Über Michelle P. Howard

Michelle P. Howard wurde 1967 in Portlaoise, Irland, geboren und lebt und arbeitet in Berlin und Wien. Die Architektin bewegt sich in ihrer Arbeit an den Schnittstellen von Kunst, Architektur und Ökologie. Ihre Praxis verbindet dauerhafte Bauwerke, Materialforschung und großformatige Interventionen im öffentlichen Raum. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie die gebaute Umwelt als lebendiger und interagierender Bestandteil der natürlichen Welt neu gedacht werden kann.

Vor ihrer akademischen Laufbahn leitete Howard in den 1990er-Jahren zahlreiche Projekte beim Renzo Piano Building Workshop in Frankreich, Italien und Deutschland. Anschließend verantwortete sie zwei wegweisende Projekte für das Office for Metropolitan Architecture (OMA) in Rotterdam: die Niederländische Botschaft in Berlin und die Casa da Música in Porto.

Seit 2007 hat sie eine Professur für Kunst und Architektur inne und leitet die Plattform für Konstruktion, Material und Technologie an der Akademie der bildenden Künste Wien. In dieser akademischen Funktion forscht sie zu den materiellen Grundlagen der Bauindustrie. Ihre künstlerische Praxis überschreitet jedoch disziplinäre Grenzen und versteht Architektur nicht als statisches Objekt, sondern als ein performatives, sich stetig weiterentwickelndes Medium.

Derzeit leitet sie das EU-finanzierte Forschungsprojekt Ignored Technology, eine Zusammenarbeit mit der Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag (UM-PRUM) und der Akademie der Bildenden Künste und Design in Bratislava (AFAD). Das Projekt untersucht die historischen Hierarchien zwischen „Technologie“ und „Handwerk“ und stellt patriarchale Voreingenommenheit infrage, die bestimmte materialbezogene Praktiken systematisch abgewertet hat.

Weitere Informationen

Auf den Homepages: https://constructconcept.com und https://mphcoco.myportfolio.com sowie https://www.akbild.ac.at/en/university/staff/86C77A38451C372D

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