Experimentierraum I

Auswertung der Fragebogenaktion

Wie beurteilen die Menschen in Hannover die Innenstadt? Erste Antworten liefert die Auswertung der Fragebögen, die vom 5. Juli bis zum 1. August im ersten Experimentierraum erhoben und online wurden.  

Einleitung und Hinweise zur Methodik

Im Rahmen des Innenstadtdialogs werden an zwei Standorten in der Innenstadt Experimentierräume angeboten. Der erste fand statt vom 5. Juli bis zum 1. August im Bereich Schmiedestraße/Köbelinger Markt, der zweite vom 30. August bis zum 12. September im sogenannten Kulturdreieck rund um die Oper, das Schauspiel- und das Künstlerhaus. Zielsetzung beider Experimentierräume ist es, beispielhaft alternative Nutzungen des öffentlichen Raums zu ermöglichen und neue Ausstattungen des öffentlichen Raums zu zeigen. Zusätzlich werden vielfältige Beteiligungsformate für unterschiedliche Themenzusammenhänge und Zielgruppen durchgeführt, mit denen die Besucher*innen angeregt werden sollen, über die zukünftige Ausgestaltung der Innenstadt und die Nutzung des öffentlichen Raums nachzudenken und ihre Ideen und Vorstellungen einzubringen.

Durch Auszubildende der Landeshauptstadt Hannover wurden Besucher*innen im ersten Experimentierraum gebeten, ihre persönliche Meinung zu den beispielhaft gezeigten alternativen Nutzungsmöglichkeiten abzugeben. Hierzu konnten die Angesprochenen einen kurzen Fragebogen vor Ort ausfüllen oder diesen online auf hannover.de beantworten. Im Folgenden wird aus der Auswertung der Fragebögen, die im Zeitraum vom 5. Juli bis zum 19. Juli eingegangen sind, das Meinungsbild der Besucher*innen zum 1. Experimentierraum Schmiedestraße/Köbelinger Markt dokumentiert. Es ist kein für die Stadt repräsentatives Ergebnis, sondern spiegelt die Meinungsäußerung der Menschen wider, die den Experimentier-raum aufgesucht bzw. sich ein Bild davon gemacht und die Fragebogenaktion mitgemacht haben.

In Frage 1 des Fragebogens sollten die Angebote alternativer Nutzungen des öffentlichen Raums im Experimentierraum mit Schulnoten bewertet werden, Frage 2 bat um Einschätzung zur Wiederholung von Experimenten als Methode zur Präsentation und Beurteilung von Zukunftsideen. In Frage 3 sollten die Befragten eigene Vorstellungen zur Zukunft des öffentlichen Raums in der Innenstadt äußern.

Die Abgabe von 171 Fragebögen, die trotz zum Teil widriger Wetterverhältnisse direkt im Experimentierraum ausgefüllt und abgegeben wurden, zeigt, dass sich zahlreiche Menschen durch die Angebote zum Nachdenken haben anregen lassen und dass ihr Interesse daran geweckt wurde, sich ein eigenes Bild von der Zukunft des öffentlichen Raums der Innenstadt zu machen. Online sind seit dem 5. Juli bis 19. Juli 390 ausgefüllte Fragebögen eingegangen. Es liegen damit Ergebnisse aus 561 auswertbaren Fragebögen vor, die in diese Analyse eingeflossen sind.

1. Bewertung der Angebote im Experimentierraum Schmiedestraße/Köbelinger Markt

In der ersten Frage des Fragebogens sollten die Befragten mitteilen, wie ihnen gefällt, was sie im Experimentierraum sehen. Die verschiedenen Angebote des Experimentierraums sollten dafür nach dem Schulnotensystem bewertet werden. Hierbei stellt Note 1 die Bewertung "sehr gut" und Note 6 "ganz schlecht" dar. Die im Fragebogen zu benotenden Themen waren. Die Zahlen in den Klammern zeigen, wie viele Personen die jeweiligen Angebote bewertet haben:

  • Weniger Fläche für den Pkw-Verkehr (546 Benotungen)
  • Mehr Fläche für angenehmen Aufenthalt (540)
  • Mehr Grün (545)
  • Sitzgelegenheiten im Schatten (537)
  • Spielangebote (528)
  • Angebote für Jugendliche (511)
  • Sport- und Bewegungsmöglichkeiten (527)
  • Kunst- und Kulturangebote (530)

Alle Angebote sind in jeweils mehr als 90 % der Fragebögen benotet worden. Auf die jeweilige Anzahl der abgegebenen Benotungen beziehen sich die in Abbildung 1 genannten Prozentzahlen. Die positivste Benotung erlangte die Ausstattung des Experimentierraums mit Mehr Grün, 64 % der hier Antwortenden haben dies mit "sehr gut" bewertet. Zusätzlich ist es auch das Angebot, das am seltensten mit der Note 6 bewertet worden ist (9 %). Die kontroverseste Bewertung erhielt das Angebot Weniger Fläche für den PKW-Verkehr. Hier haben 57 % der Befragten mit „sehr gut“ bewertet, 20 % dagegen bewerteten dieses Angebot mit der Note 6. Diese Beurteilung spiegelt die in Hannover sehr kontrovers geführte Debatte zur Neuordnung von Verkehrsflächen wider.

Insgesamt sind die Ausstattungselemente des Experimentierraums – Mehr Grün, Weniger Fläche für den Pkw-Verkehr, Mehr Fläche für angenehmen Aufenthalt, Sitzgelegenheiten im Schatten – von mehr als der Hälfte der Befragten mit "sehr gut" beurteilt worden. Mehr Grün finden sogar fast zwei Drittel der Befragten "sehr gut". Die Angebote für Kinder sowie für Jugendliche und Sport- und Bewegungsangebote werden nur von etwas mehr als einem Drittel der Befragten mit "sehr gut" bewertet. Kunst- und Kulturangebote erhalten von 44 % ein "sehr gut".

Bewertung der Angebote im Experimentierraum Schmiedestraße/Köbelinger Markt (nach Schulnoten, Anteile in Prozent).


2. Wiederholung solcher Experimente

In Frage 2 des Fragebogens sollten die Besucher*innen ihre Meinung dazu äußern, ob die Verwaltung solche Experimente häufiger machen sollte, um etwas Neues für die Menschen erlebbar und somit beurteilbar zu machen. Die Frage konnte mit "ja", "nein" oder "weiß nicht" beantwortet werden.

 Insgesamt ist das Stadt-Experiment Schmiedestraße/Köbelinger Markt bei den Befragten gut angekommen: Circa drei Viertel (72 %) bejahen die Wiederholung solcher Experimente (vgl. Abb. 2). Fast ein Viertel (23 %) der Befragten dagegen nehmen derartige Experimente nicht an: Sie verneinen die Wiederholung. Die restlichen 5 % sind sich nicht sicher oder haben keine Angabe gemacht.

Abbildung 2: Wiederholung solcher Experimente.

3. Wünsche für die Zukunft im öffentlichen Raum der Innenstadt

In Frage 3 des Fragebogens waren die Befragten aufgefordert, ihre Wünsche für die Zukunft im öffentlichen Raum der Innenstadt offen zu formulieren. Es konnten einer oder mehrere Wünsche notiert werden. Insgesamt wurden in den 561 ausgefüllten Fragebögen 892 Wünsche für die Zukunft des öffentlichen Raum in der Innenstadt geäußert. Damit sind im Durchschnitt pro Besucher*in 1,6 Wünsche für die Zukunft des öffentlichen Raums in der Innenstadt notiert worden. Die Wünsche können den Themenfeldern Mobilität und Verkehr (319), Aufenthaltsqualität (266), Umwelt und Stadtgrün (160), Angebote und Funktionen der Innenstadt (99) sowie Gastronomie und Handel (48) zugeordnet werden.

Tabelle 1 zeigt die sechs Themenfelder der Wünsche sowie die Häufigkeit der darin erfolgten Nennungen im Überblick. Eine thematische Einzelerfassung erfolgte, wenn mindestens sieben Befragte den gleichen Wunsch äußerten.

 

Tabelle 1: Themenfelder und darunter genannte Zukunftswünsche (Anzahl der Nennungen).

 

Mobilität und Verkehr

Abbildung 3: Mobilität und Verkehr.

Von allen Themenbereichen am häufigsten wurden Wünsche zur Mobilität und zum Verkehr geäußert. Insgesamt 319 Zukunftswünsche sind in diesem Zusammenhang genannt worden. Davon wünschen 82 Personen mehr Platz für Fahrräder, darunter fallen Aspekte wie sichere/bessere Fahrbahnen, Stellplätze und Markierungen. 59 Personen fordern weniger Autoverkehr in der Innenstadt. Im Einzelnen genannt wurden hier verkehrsberuhigte/30er Zonen sowie Beschränkung auf Anwohner- und Lieferverkehr. 45 Personen wünschen eine autofreie Innenstadt bzw. den Ausschluss von verbrennungsmotorisiertem Verkehr in der Innenstadt. Demgegenüber verlangen insgesamt 30 Personen eine autofreundlichere Stadt, etwa im Sinne von einer gerechteren Ampelschaltung, besser fließendem Verkehr und keiner Einschränkung des Individualverkehrs. Andererseits wünschen sich fast genauso viele (28) mehr und sichere Fußgängerbereiche/-wege. Generell wünschen sich 25 Personen mehr Parkplätze in der Innenstadt tw. mit niedrigeren Parkgebühren. Weiterhin wurde für die Zukunft gewünscht, dass weniger Parkplätze zur Verfügung stehen bzw. Parkplätze in Parkhäuser verlagert werden (15 Personen). Ebenfalls 15mal wurde der Wunsch nach Verbesserung der Mobilitätsangebote für die Erreichbarkeit der Innenstadt genannt (darunter: Erreichbarkeit zu Fuß und per Rad, Erreichbarkeit und Parkmöglichkeiten für mobilitätseingeschränkte Menschen, Barrierefreiheit).  

Aufenthaltsqualität

Die Aufenthaltsqualität der öffentlichen Räume in der Innenstadt ist mit insgesamt 266 notierten Wünschen das zweitwichtigste Themenfeld, welches die Menschen in der Innenstadt bewegt. Mit Abstand am häufigsten (119 mal) wünschen sich die Befragten im öffentlichen Raum der Innenstadt mehr Sitz-/Verweilgelegenheiten. Als Qualitätskriterien wurden hierunter genannt: Schatten/Regenschutz, Platz zum Wickeln sowie 32 mal Möglichkeiten zum Verweilen ohne Konsum¬zwang. Mehr Sicherheit und Polizeipräsenz fordern 23 Personen, hier genannt wurden sichere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, Schließfächer und ausreichende Beleuchtung. Ähnlich häufig (20) wird eine bessere Reinigung gefordert, insbesondere der öffentlichen Toiletten und ebenso häufig vermehrte Müllentfernung im öffentlichen Raum sowie Maßnahmen zur Müllvermeidung, auch durch die Bürger*innen selbst. Im gleichen Umfang (20) ist der Wunsch nach Wasser (genannt wurden: Brunnen, Trinkwasserspender, Wasserspiele) geäußert worden. Insgesamt 44 mal wurden Wünsche geäußert, die die Platzgestaltung in der Innenstadt ansprechen: 26 mal wurde die städtebauliche Aufwertung des öffentlichen Raums thematisiert, Entsiegelung und vielfältige Gestaltung und Möglichkeiten der temporären Umgestaltung gewünscht. 18 Personen wünschen sich die öffentlichen Räume der Innenstadt gestaltet als neue Orte der Begegnung. Maßnahmen gegen die Kriminalität und die Drogenszene wurden 12 mal gewünscht, 8 Personen wünschten sich einen Rückgang der Präsenz von Obdachlosen in der Innenstadt. 

Abbildung 4: Aufenthaltsqualität.

Umwelt und Stadtgrün

Abbildung 5:Umwelt und Stadtgrün.

Dem Thema Umwelt und Stadtgrün fällt sowohl als wichtiger Faktor der Aufenthaltsqualität wie auch aus Gründen des Klimawandels eine besondere Bedeutung für die Zukunft des öffentlichen Raums in der Innenstadt zu. Diesem Thema wurden insgesamt 160 Zukunftswünsche gewidmet. Allein 136-mal wurden Wünsche geäußert, die mehr Grün fordern. Hier genannt wurden neben Bäumen, Blumen(-kübeln) und Kräuterhochbeeten auch individuelle Konzepte wie Urban Gardening, Gebäude- und Fassadenbegrünung und ein mobiles grünes Zimmer sowie grüne Ruhe- und Entspannungsoasen, die auch Schatten spenden können. 24 Personen wünschten sich zukünftig eine weniger lärmbelastete und ruhigere städtische Umwelt mit besserer Luft.

Angebote und Funktionen der Innenstadt

Insgesamt wurden 99 Wünsche zum Thema Angebote bzw. Funktionen der Innenstadt geäußert. Meistgenannter Wunsch (27 Personen) ist das Schaffen von Angeboten für Kinder im öffentlichen Raum. Dazu zählen Spielplätze, Erneuerung der Spielflächen, die Möglichkeit des gefahrlosen Aufenthalts von Kindern sowie die Kinderbetreuung. An zweiter Stelle wünschen sich 21 Personen mehr Sportangebote, Bereiche für sportliche Betätigung, auch Schach- und Bouleflächen. 30-mal gewünscht werden mehr Musikangebote (Musikveranstaltungen und Konzerte aber auch mehr Bühnen im Citybereich, welche auch durch Straßenmusiker genutzt werden könnten). 11-mal wird der Wunsch nach mehr zielgruppenspezifischen kulturellen Veranstaltungen geäußert. Dazu zählen Abendangebote wie Lesungen, Freilichtkino als auch Veranstaltungen zum Thema Klimawandel. 14 Personen wünschen sich mehr Kunst und Kulturaktionen in Form von Kunstobjekten, Kunstmärkten, Ausstellungen sowie Mitmachaktionen. Die zukünftige Stärkung der Innenstadt in ihrer Funktion als Wohnstandort ist nur bei wenigen Befragten ein Zukunftswunsch (7)

Abbildung 6:Angebote und Funktionen der Innenstadt.

 

Gastronomie und Handel

Die Fragen im Fragebogen richten den Fokus auf die Zukunft des öffentlichen Raums, so dass das Themenfeld Handel hier wenig thematisiert wurde. Einzig der Wunsch nach mehr inhabergeführten, vielfältigen Geschäften zu Lasten der Ladengeschäfte von Einzelhandelsketten wurde hier 11-mal genannt.  37-mal ist der Wunsch nach mehr und vielfältiger Gastronomie sowie Cafés geäußert worden. Dies beinhaltet Nennungen von Rooftopbars, Außengastronomie, Verzehrständen im öffentlichen Raum sowie gesundem und bezahlbarem Essen in der Innenstadt.

Abbildung 7: Gastronomie und Handel.

 

Lob und Kritik

86 Befragte, die an der Fragebogenaktion teilgenommen haben, haben die offene Frage 3 genutzt, um Lob oder Kritik hinsichtlich Politik und Verwaltung im Kontext des Experimentierraums zu äußern. Die Ergebnisse seien hier nachrichtlich erwähnt.

Zum Experimentierraum selbst äußerten sich 26 Personen positiv. Sie bezeichnen das Projekt als gelungen. Es wurde vorgeschlagen, solche Experimentierräume auch großflächiger, dauerhaft und in anderen Stadtteilen umzusetzen. Außerdem wurde der Wunsch geäußert, dass die in Frage 1 genannten Punkte dauerhaft realisiert werden sollten. 
Allerdings haben auch 15 Personen sich negativ zum Stadt-Experiment geäußert, dabei kritisieren sie die Verwendung der Steuergelder für solche Projekte und merkten die Geschäftsschädigung als Folge der Straßensperrung an. Der Stadtpark sei ein besserer Ort zur Erholung im Grünen im Vergleich zur Innenstadt.

45 Personen kritisierten die Planung und Durchführung des Projekts "Innenstadtdialog". Folgende Punkte wurden benannt: die fehlende Kommunikation bzw. Beteiligung der Gremien und Gewerbetreibenden, die fehlende Verbreitung von Vorabinformationen in den Medien oder Zeitungen und die mangelnde Gestaltung bzw. das mangelnde Konzept für den Autoverkehr und die fehlende Priorisierung auf wichtigere Angelegenheiten wie z.B. eine funktionierende Stadtverwaltung. 

Fazit

Der Experimentierraum hat seine Wirkung erzielt und die Besucher*innen angeregt, über die zukünftige Ausgestaltung und Nutzbarkeit des öffentlichen Raums in der Innenstadt nachzudenken. Dies zeigt die Zahl von ausgefüllten Fragebögen, die direkt vor Ort (171) und online (390) abgegeben wurden. Die große Mehrzahl der Besucher*innen ist experimentierfreudig und unterstützt die Wiederholung solcher Experimente zur Verdeutlichung von Nutzungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Die Ausstattungsangebote im Experimentierraum sind überwiegend positiv benotet worden. Kontroverse Diskussionen spiegeln sich insbesondere in der Benotung der Flächenumwidmung zu Lasten des Pkw-Verkehrs. Insgesamt wurden fast 900 Vorstellungen und Wünsche zur Zukunft des öffentlichen Raums geäußert. Darin zeigen sich die Themen Mobilität und Verkehr sowie die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums mit deutlichem Abstand als die Themen, die die Menschen in der Innenstadt am meisten bewegen.