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Eskalation vermeiden

Häusliche Gewalt in Zeiten der Coronamaßnahmen

Soziale Isolation, Furcht um die Gesundheit oder Sorgen um die berufliche Zukunft bedeuten für viele Überforderung und Stress. Eltern, die bisher Schwierigkeiten hatten mit Frustrationen umzugehen, könnten nun an ihre Grenzen stoßen. "Wie kann ich mit meinen Aggressionen umgehen und wo bekomme ich Unterstützung?" sind dann Fragen, die es zu beantworten gilt.

Simon König ist als Master-Psychologe mit dem Schwerpunkt Familienpsychologie in den Familien- und Erziehungsberatungsstellen der Region Hannover tätig. Er macht auf die Folgen von häuslicher Gewalt in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen aufmerksam und zeigt Möglichkeiten im Umgang mit Frustration und Partnerschaftsgewalt auf.

Bisher ist noch kein eindeutiger Anstieg häuslicher Gewalt in den Statistiken zu verzeichnen, dennoch gibt es zunehmend deutliche Anzeichen. So berichtet die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey laut Zeit-Online (03.04.2020), dass sowohl mehr Kinder als auch Eltern telefonische Beratung in Anspruch nehmen: "Wir stellen fest, dass es bei dem Hilfetelefon Nummer gegen Kummer einen Anstieg der Anrufe um mehr als 20 Prozent gibt".

Was wissen wir bisher über häusliche Gewalt?

Zunächst ist bekannt, dass überwiegend Frauen von Gewalt in Partnerschaften betroffen sind. So berichtet das Bundeskriminalamt in seiner kriminalstatistischen Auswertung zur Partnerschaftsgewalt von 2018, dass Frauen mit 81.3% von Delikten wie Mord und Totschlag, Körperverletzungen, sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Bedrohung, Stalking, Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution betroffen waren. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass Betroffene oft aus wirtschaftlichen, emotionalen oder sozialen Abhängigkeiten noch über Jahre mit ihrem Partner zusammenleben" berichtet König.

Doppelte Gefahr für betroffene Kinder

Sind die betroffenen Frauen gleichzeitig Mütter, sind die Kinder oft einer doppelten Gefahr ausgesetzt. So besteht für diese nicht nur das Risiko, direkt Gewalt zu erfahren, sondern auch als Zeugen häuslicher Gewalt indirekt Gewalt zu erleben. Der hannoversche Traumaexperte Alexander Korittko hebt hervor, dass die Folgen indirekter Gewalt häufig erheblich unterschätzt werden. Kinder erleben die Bedrohung der Eltern meist auch als Bedrohung gegen sich selbst, oft mit erheblichen Folgen. Korittko macht auf eine Studie von Hamblen und Barnett (2009) aufmerksam und hebt hervor, dass Kinder, die Zeugen von Gewalt gegen ein Elternteil wurden, mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.

Was bedeutet dies in Zeiten von Kontaktbeschränkungen, Quarantänemaßnahmen, geschlossenen Schulen, Freizeit- und Betreuungsangeboten? König und seine Kolleginnen und Kollegen gehen davon aus, dass Betroffene sich noch weniger trauen, Hilfe zu holen. So sinken die Chancen, Hilfsangebote zu erreichen und die Wahrscheinlichkeit, vom Täter entdeckt zu werden, steigt. Dies könnte wiederum dazu beitragen, dass sich die Abhängigkeit der Betroffenen zusätzlich erhöht und weitere Ohnmachts- und Schuldgefühle auslösen. Ein Teufelskreis?!

Was kann man tun?

Um Betroffene zu schützen und Gewalt vorzubeugen, ist es zunächst wichtig, dass Eltern möglichst früh Verantwortung für sich und ihre Kinder übernehmen. "Ist die Situation bisher noch nicht eskaliert gibt es oft noch Spielräume, um den Konflikt zufriedenstellend zu lösen". Für den Familienpsychologen ist es bereits hilfreich, wenn Mutter oder Vater Aggression und Frustration bei sich und dem anderen rechtzeitig wahrnehmen und ansprechen. "Häufig entlastet es zu merken, dass der andere einem tatsächlich zuhört. Wichtig ist hierbei, den anderen ausreden zu lassen, Pausen zuzulassen und beide Standpunkte anzuerkennen. Sollten die Gefühle zu intensiv werden, macht es oft Sinn, das Zimmer kurz zu verlassen und einige Male intensiv und tief ein- und auszuatmen."

Wenn die Situation dennoch eskaliert, rät König, sich schnellst möglich Unterstützung zu holen, ohne sich zu gefährden. So können sich Betroffene kostenfrei und anonym an Hilfetelefone (zum Beispiel Nummer gegen Kummer: 116111 oder Nummer gegen Gewalt gegen Frauen: +49 800 116016) und auch an die Polizei wenden. Auch die Frauenberatungsstellen und die Familien- und Erziehungs-beratungsstellen bieten anonyme und kostenfreie Beratung an.

Aufmerksam sein und Betroffenen helfen

Sollten beispielsweise Nachbarn oder Angehörige Hilferufe, Schreie und oder Weinen wahrnehmen, können diese sich ebenfalls an die genannten Adressen wenden, um ihre Sorgen mitzuteilen und zu erfahren, welche weiteren Schritte hilfreich sein könnten.