Der Verein Kinderfreundliche Kommune brachte Diskussionsanregungen ein, die verdeutlichten, dass die Verwaltung eine umfassende und detaillierte Strategie zur Verwirklichung der Kinderrechte auf Basis der UN-Kinderrechtskonvention entwickeln muss.
Das Vor-Ort-Gespräch diente auch der Schwerpunktsetzung für die anstehenden Aufgaben der Verwaltung. In vier Workshops wurden konkrete Fragen und Beispiele erörtert, um das Ziel einer gemeinsamen Strategie zu fokussieren. Die Workshops befassten sich unter anderem mit den Themen Kindeswohl, Datenmonitoring und Beteiligung, sowie damit, inwieweit diese bereits verwirklicht sind und wo noch Bedarf besteht.
Doch warum sollte Hannover überhaupt „kinderfreundlich“ werden, und was bedeutet das? Die aktuellen Zahlen verdeutlichen die Herausforderungen der Kommune: Es gibt momentan mehr als doppelt so viele Personen, die 65 Jahre und älter sind, wie es 0- bis 6-Jährige gibt. Kinder sind eine Minderheit und haben keine Lobby. Die Kommune hat jedoch den rechtlichen Auftrag, Kinderrechte zu schützen und die Beteiligung der Bevölkerung sicherzustellen. Wer kümmert sich mit einem Blick in die Zukunft darum, dass die Bürger*innen von morgen sich heute als wichtig und handlungsfähig erleben? Dies ist eine der ureigensten Aufgaben von Kommunalpolitik und Stadtverwaltung und einer der Gründe, warum Hannover das Siegel „Kinderfreundliche Kommune“ anstrebt.
Es geht nicht um Prestige oder darum, den Status einer kinderfreundlichen Kommune zu haben, um Hannover positiv darzustellen. Es geht um die Kinderrechte und darum, unsere Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen ernst zu nehmen. Wir müssen uns aus unseren Komfortzonen herausbegeben, um die Zukunft junger Menschen gemeinsam mit ihnen zu gestalten. Die vielfältigen Ergebnisse aus der Bestandsaufnahme zeigen, dass wir noch nicht genug tun. Wenn eine Vielzahl der Schüler*innen angibt, in der Schule nur wenig mitbestimmen zu dürfen, müssen wir handeln. Wenn Kinder nicht selbst entscheiden können, neben wem sie sechs Stunden in der Schule sitzen, ist das ein Problem. Stellen wir uns vor, wie es wäre, sechs Stunden neben jemandem sitzen zu müssen, den wir nicht mögen – fünf Tage die Woche.
Wenn Kinder berichten, dass ihre Privatsphäre nicht respektiert wird, dass Fotos ohne ihr Einverständnis veröffentlicht werden oder pädagogische Fachkräfte ohne Erlaubnis in ihren Rucksäcken stöbern, widerspricht das der UN-Kinderrechtskonvention. Wenn wir Feste für Kinder veranstalten, ohne sie zu fragen, was sie spannend finden würden, vergessen wir, unsere Adressat*innen zu beteiligen. Wenn die Kinderrechte in einer Geflüchtetenunterkunft ausschließlich auf Deutsch verfügbar sind, wird das Recht auf Information missachtet. Und das sind die harmloseren Beispiele. Junge Menschen berichten davon, von Erwachsenen beschimpft, geschlagen und sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu werden. Wir müssen diese Gewalterfahrungen ernst nehmen und dürfen nicht mehr wegschauen. Wenn es junge Menschen in Hannover gibt, die nicht wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie Gewalt erleben, bedeutet das, dass diese Kinder ihre Rechte nicht einfordern können. Wir müssen daran arbeiten, alle jungen Menschen zu erreichen.
Kinderrechte sind kein „nice to have“. Die Umsetzung der Kinderrechte ist verbindlich, und der Staat muss geeignete Maßnahmen ergreifen, um sie zu gewährleisten. Mit dem Ratsbeschluss zur kinderfreundlichen Kommune wurde der Gesamtverwaltung ein einstimmiger, fraktionsübergreifender Auftrag erteilt. Der Schutz des Kindeswohls ist einer davon und muss jederzeit bedeuten, dass junge Menschen Partizipation erleben und Entscheidungen nicht mehr ohne sie getroffen werden. Kindeswohl ist viel mehr als nur der Schutz von Kindern. Das Siegel der kinderfreundlichen Kommune ist ein Versprechen an die junge Generation – ein Versprechen, sie ernst zu nehmen, unsere Macht zu teilen und sie verantwortungsvoll zu nutzen. Es ist vor allem eine Aufforderung an uns Erwachsene, unsere Privilegien zu reflektieren.
Es bedeutet, dass wir Feedback von den Menschen, für die wir arbeiten, einholen und auch unbequeme Wahrheiten aushalten müssen. Erwachsene sollten sich fragen, wer mit wem über was spricht, wer eine Bühne bekommt und wer nicht. Kinderfreundlichkeit beinhaltet den besonderen Schutz von Kindern, die diesen benötigen, zum Beispiel queeren jungen Menschen oder solchen, die von Armut betroffen sind.