Insektenwall schafft neuen Lebensraum - Hannover.de

Naturschutz

Insektenwall schafft neuen Lebensraum

(v. l.): Arnd von Hugo, Vorsitzender des Landvolks Hannover, Björn Rohloff, Geschäftsführer der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen, Astrid Garben-Mogwitz, Vorsitzende der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen, Joachim Hasberg, stellvertretender Geschäftsführer des Landvolks Hannover, Jens Palandt, Umweltdezernent der Region Hannover, Lukas Burchard, Landwirt aus Linderte, Anton Sartisohn, Projektmanager der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen

Im Biodiversitätsprogramm setzen 90 Betriebe auf 241 Hektar Maßnahmen zum Artenschutz auf dem Acker um.

Insektenwall

11.09.2026 - Ein begrünter Wall mitten im Acker als Rückzugsort für Wildbienen, Laufkäfer und Co.: Auf einer landwirtschaftlichen Fläche südlich von Weetzen zeigt sich, wie Artenvielfalt und Landwirtschaft Hand in Hand gehen können. Der Betrieb Burchard aus Linderte hat dort einen sogenannten Insektenwall angelegt. Die Maßnahme ist Teil des Biodiversitätsprogramms, das die Region Hannover seit 2018 gemeinsam mit dem Landvolk Hannover und der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen umsetzt. In diesem Jahr beteiligen sich 90 landwirtschaftliche Betriebe mit insgesamt 241 Hektar Maßnahmenfläche. Die Region Hannover stellt wie in den Vorjahren vorbehaltlich des Beschlusses der Regionsversammlung am 6. Oktober auch in 2026 300.000 Euro für das Programm zur Verfügung.

„Artenvielfalt in unserer Agrarlandschaft können wir am besten gemeinsam mit den Menschen stärken, die diese Flächen bewirtschaften. Genau darauf setzt unser Biodiversitätsprogramm“, sagt Jens Palandt, Erster Regionsrat und Umweltdezernent der Region Hannover. „Die Region schafft den finanziellen Rahmen. Landwirtschaft und Naturschutz entwickeln gemeinsam Lösungen, die ökologisch etwas bewirken.“

Was steckt hinter dem Biodiversitätsprogramm?

Mit dem Programm fördert die Region Hannover Naturschutzmaßnahmen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Sie sollen zusätzliche Lebensräume und Nahrungsangebote für Tiere und Pflanzen schaffen. Die Maßnahmen werden freiwillig von landwirtschaftlichen Betrieben umgesetzt. Diese stellen Flächen bereit, passen ihre Bewirtschaftung an oder verzichten auf einen Teil des möglichen Ertrags und erhalten dafür einen finanziellen Ausgleich.

Die Partner übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben: Die Region Hannover stellt die Mittel bereit und stimmt die Maßnahmen naturschutzfachlich ab. Das Landvolk spricht die landwirtschaftlichen Betriebe an und wickelt die Verträge ab. Die Stiftung Kulturlandpflege entwickelt die Maßnahmen, kontrolliert deren Umsetzung und übernimmt teilweise das Monitoring und die Dokumentation.

„Dass sich auch nach vielen Jahren so viele Betriebe beteiligen, zeigt, dass der kooperative Ansatz funktioniert“, sagt Joachim Hasberg, stellvertretender Geschäftsführer des Landvolks Hannover. „Landwirtinnen und Landwirte kennen ihre Flächen und die betrieblichen Abläufe am besten. Entscheidend ist deshalb, dass die Maßnahmen gemeinsam entwickelt werden, in der Praxis gut umsetzbar sind und die Leistungen und Ertragsausfälle der Betriebe angemessen ausgeglichen werden.“

Was ist ein Insektenwall und wie fördert er die Artenvielfalt?

Ein Insektenwall, auch „Beetle Bank“ genannt, ist ein begrünter Erdwall innerhalb einer Ackerfläche. Durch gegenläufiges Pflügen entsteht in der Mitte ein Wall, an den sich auf beiden Seiten mehrjährige Blühstreifen anschließen. Der Insektenwall bietet auf engem Raum unterschiedliche Lebensbedingungen. Wildbienen finden Nistmöglichkeiten, Laufkäfer und Spinnen Rückzugs- und Überwinterungsräume. Die Blühstreifen liefern unter anderem Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlingen Pollen und Nektar. Davon profitieren mittelbar auch Feldvögel und andere Tiere der Agrarlandschaft. Erste Insektenwälle wurden in der Region bereits 2022 erprobt und fachlich begleitet. Seit 2024 gehören sie regulär zum Biodiversitätsprogramm. 
„Natürlich bedeutet so eine Maßnahme auch zusätzliche Zeit und Arbeit bei der Anlage und Pflege. Aber wenn man sieht, was sich hier entwickelt, macht das den Aufwand mehr als wett. Man muss sich nur kurz an den Insektenwall stellen, dann sieht man, wie viel Leben hier ist: Es summt und krabbelt, man sieht Wildbienen, Schmetterlinge und viele andere Insekten“, berichtet Landwirt Lukas Burchard.

Welche Maßnahmen werden noch gefördert?

Der Insektenwall ist nur eine von mehreren Maßnahmen des Biodiversitätsprogramms. Welche Maßnahme sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen Fläche und den Arten ab, die dort gezielt gefördert werden sollen.

  • Blühstreifen und Blühflächen bleiben über die Ernte hinaus oder über mehrere Jahre bestehen. Sie bieten Insekten ein vielfältiges Blütenangebot und schaffen zugleich Nahrungs- und Rückzugsräume für Feldvögel. Je nach Variante werden ein- und mehrjährige Flächen miteinander kombiniert, sodass unterschiedliche Strukturen nebeneinander entstehen.
  • Stoppelbrachen helfen insbesondere dem Feldhamster. Nach der Getreideernte bleiben mindestens 30 Zentimeter hohe Stoppeln stehen und die Bodenbearbeitung wird bis in den Herbst hinausgeschoben. Die Tiere finden dadurch länger Deckung und Nahrung auf den Flächen. Beim sogenannten „Hohen Halm“ wird das Getreide mit hochgestelltem Mähwerk nur knapp unterhalb der Ähre geerntet. Ein Großteil des Halms bleibt stehen und bietet ebenfalls Schutz.
  • Getreidestreifen werden bei der Ernte vollständig stehen gelassen und erst nach dem Winter wieder bewirtschaftet. Feldhamster und andere Säugetiere sowie überwinternde Vogelarten finden dort auch in der nahrungsarmen Jahreszeit Nahrung und Deckung.
  • Feldvogelinseln richten sich insbesondere an Feldlerchen. Dafür werden mitten im Getreideacker größere Bereiche bei der Aussaat freigelassen oder später wieder geöffnet und während der Brutzeit nicht bewirtschaftet. Die offenen Flächen bieten den am Boden brütenden Vögeln geeignete Bereiche für Nahrungssuche und Brut. Die Inseln sind im Programm mindestens 1.000 und höchstens 2.000 Quadratmeter groß.
  • Kiebitzinseln werden gezielt dort eingerichtet, wo Kiebitze aktuell brüten oder im Vorjahr gebrütet haben. Die 3.000 bis 5.000 Quadratmeter großen Bereiche bleiben während der Brut- und Aufzuchtzeit unberührt. Ein kurzfristiger Einstieg in die Förderung ist möglich, wenn ein aktuelles Brutgeschehen festgestellt wird.

„Es gibt nicht die eine Maßnahme, die überall passt“, sagt Björn Rohloff, Geschäftsführer der Stiftung Kulturlandpflege Niedersachsen. „Wir schauen uns die jeweilige Fläche und die dort vorkommenden Arten an und überlegen gemeinsam mit dem Betrieb, welche Maßnahme sinnvoll ist. Entscheidend ist die Kombination unterschiedlicher Strukturen. Blühangebote, Rückzugsräume und geeignete Brutflächen ergänzen sich und machen die Agrarlandschaft vielfältiger.“

Welche Wirkung zeigen die Maßnahmen?

Die Entwicklung der Bestände ausgewählter Arten in der Region Hannover zeigt positive Tendenzen. Nach Ergebnissen der Wildtiererfassung ist die Feldhasenpopulation zwischen 2019 und 2024 um 20 Prozent gestiegen. Beim Rebhuhn wurde im gleichen Zeitraum ein Anstieg um 80 Prozent verzeichnet – entgegen dem Landestrend, bei dem die Population stagniert. Auch bei einzelnen Maßnahmen zeigen Kontrollen, dass die geschaffenen Lebensräume angenommen werden: So wurden bei einer früheren Auswertung mehr als 75 Prozent der angelegten Feldlerchenfenster von Feldlerchen als Brut- oder Nahrungshabitat genutzt.

Diese Entwicklung hat viele Ursachen. Die positiven Zahlen zeigen aber, dass gezielte Maßnahmen für mehr Artenvielfalt wirken können – auch dank des Engagements der landwirtschaftlichen Betriebe im Biodiversitätsprogramm.
 

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