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Team Wissenschaft auf Spurensuche

Paläontologische Zeitreise durch das Neue Rathaus

Fossilien im Neuen Rathaus erzählen von der Vergangenheit. In den Böden, in den Wänden, in Säulen und in Statuen – an vielen Stellen des Gebäudes am Trammplatz, das im Jahr 1913 fertiggestellt wurde, sind zahllose Natursteine verbaut. Und wo es Naturstein gibt, gibt es oft auch Spuren vergangener Zeiten.

Jenseits des Eingangsbereichs, aber noch vor der Kuppelhalle, führt eine von insgesamt vier Wendeltreppen nach oben. Die beiden Wendeltreppen auf der Eingangsseite des Gebäudes bestehen aus Treuchtlinger Marmor, auch Jura Marmor genannt.

Reise in die Vergangenheit

Die Treppe transportiert Besuchende 150 Millionen Jahre in die Vergangenheit: Ins Oberjura. Ein Zeitabschnitt, der sehr warm war – über Deutschland erstreckte sich zu diesem Zeitpunkt eine sub-tropische Insellandschaft. Während das Land von gefährlichen Raubdinosauriern wie den Allosauriern und eher klein geratenen Langhalsdinosauriern wie Europasaurus beherrscht wurde, tummelten sich im flachen Brack- und Meerwasser zwischen den vielen kleinen Inseln reichlich kleinere Lebensformen. Um diese zu erkennen, lohnt sich – wie so oft bei der Fossiliensuche – ein Blick nach unten:

Fossilie © LHH

Belemnit

Bei diesem zunächst unscheinbar wirkenden Strich handelt es sich um das Rostrum eines Belemniten. Belemniten waren Kopffüßer, die unseren heutigen Kalmaren wahrscheinlich recht ähnlich sahen. Allerdings hatten sie ein ausgeprägtes Innenskelett, das in einer langen, massiven Spitze endete: Dem Rostrum. Es diente als Gegengewicht zu den luftgefüllten Kammern, die dem Tier Auftrieb ermöglichten.

Belemniten

Die Belemniten teilten sich ihren Lebensraum mit ihren nahen Verwandten, den Ammoniten. Ammoniten gehören zu den am häufigsten vorkommenden Fossilien. Sie sind sogar so häufig, dass Paläontolog*innen oft anhand einer Ammonitenspezies erkennen können, wie alt die Schicht ist, in der sie gefunden wurde. Solche Fossilien nennt man auch Leitfossilien.

Ammoniten

Eine Ammonitenrekonstruktion haben die meisten wahrscheinlich schon einmal gesehen: Sie erinnert stark an den noch lebenden Nautilus; tatsächlich waren Ammoniten aber wahrscheinlich enger mit den heutigen Tintenfischen verwandt.

Fossilie © LHH

Ammonit

Die hier gut erkennbaren geschwungenen Linien zeigen deutlich, wie die Luftkammern des Ammoniten geformt waren, sie zeigen also das Innere des Tiers, beziehungsweise seiner Schale.

Während die Kammerstrukturen bei diesem Exemplar sehr gut erhalten sind, ist vom Rest nicht viel übrig. Möglicherweise war es einem Plesiosaurier, ein großes Meeresreptil mit einem langen Hals und vier paddelartigen Flossen, zum Opfer gefallen.

Vollständigere Ammoniten sind im Neuen Rathaus jedoch auch zu finden:

Am Ende der jurassischen Wendeltreppe, im Jugendstilfoyer, das auf dem Weg zu den Räumlichkeiten des Teams Wissenschaftsstadt Hannover liegt, sind die dort verlegten rot-gescheckten Fliesen aus Veroneser Marmor von paläontologischem Interesse. Hier fallen schnell die vielen kleinen Spiralgehäuse auf, die so typisch für Ammoniten sind:

Fossilie © LHH

Rosso Amonitico

Typisch sind auch Ammoniten für diesen Marmor-Typ, weshalb er auch Rosso Ammonitico genannt wird. Die italienischen Alpen, wo der Stein abgebaut wird, dürften zur Zeit der Ammoniten ganz anders ausgesehen haben als heute – von den flachen, warmen Meeren, in denen die Tierchen lebten, ist heute nichts mehr zu erahnen.

Wenn Ammoniten wie diese hier an den Strand gespült wurden, waren sie ein gefundenes Fressen für viele natürliche Feinde wie den bekannten Urvogel Archaeopteryx.

Vom Jura zurück in das Devon

Noch tiefer in die Vergangenheit als das Zeitalter des Jura, die Blütezeit der Dinosaurier, führt die Kuppelhalle des Neuen Rathauses. Hier finden sich Spuren des Devons, die auf Lebewesen von vor 380 Millionen Jahre vor unserer Zeit schließen lassen.

Bei dem dunklen Stein, aus dem die Festtreppe in der Halle gefertigt ist, handelt es sich um Wallenfelser Marmor, ein anthrazitgraues Gestein aus dem mittleren Devon, einer äußerst fremdartigen, urtümlichen Zeit. Ein Leben außerhalb der Ozeane war für Wirbeltiere damals noch Neuland, das maßgebliche Geschehen spielte sich in den Urmeeren ab.

Orthoceriden

Hier findet sich ein weiterer Vertreter der Kopffüßer, der im Jura bereits lange ausgestorben war: einen Orthoceriden

Fossilie © LHH

Orthocerid

Dieses Lebewesen kann man sich vorstellen wie einen Tintenfisch mit einem spitzen Hut. Damit hat es eine gewisse Ähnlichkeit mit den Belemniten aus der Wendeltreppe, aber es gibt einen zentralen Unterschied: Orthoceriden sind hart mit weichem Kern, Belemniten hingegen sind weich mit hartem Kern.

In der Treppe ist auch ein weiterer Ammonit zu finden:

Fossilie © LHH

Ammonit

Die devonischen Meere waren bevölkert von den seltsamsten Kreaturen. Ein Beispiel sind die Seeskorpione, die beunruhigende Maße von über zwei Metern erreichen konnten. Nicht zuletzt war das Devon jedoch das Zeitalter der Fische. Der in ganz ähnlicher Form heute noch lebende Quastenflosser entwickelte sich zu dieser Zeit. Und über dem Sediment, das heute die Festtreppe im Zentrum des neuen Rathauses bildet, schwammen einst wahrscheinlich gigantische Panzerfische wie Dunkleosteus.

Naturstein, wie der hier im Neuen Rathaus verbaute, kann also oftmals einiges über die Vergangenheit verraten – ein genaueres Hinschauen lohnt sich.

Leonie Vieweg

Auf die Spurensuche machte sich Leonie Vieweg, Bachelorstudierende Allgemeine Verwaltung am NSI Hannover (Niedersächsisches Studieninstitut für kommunale Verwaltung), zurzeit für drei Monate im Team Wissenschaftsstadt Hannover in berufspraktischer Zeit tätig