Forschende aus Hannover erhalten Spinnennachwuchs aus Australien
Medizinische Hochschule Hannover
Forschende aus Hannover erhalten Spinnennachwuchs aus Australien
Im Labor für Spinnenseide in Hannover mangelt es an Spinnennachwuchs, weil die Population gealtert ist. Kokons aus Australien sollen den Genpool auffrischen.
Eine ausgewachsene weibliche Radnetzspinne
Neue Spinnen für die medizinische Forschung
Seit mehr als 20 Jahren stehen Radnetzspinnen der Art Trichonephila edulis im Dienst der Forschung an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Doch weil sich in der Laborzucht zwangsläufig über Generationen ausschließlich verwandte Tiere paaren, sind die Folgen inzwischen sichtbar: die Männchen werden unnatürlich groß, die Fruchtbarkeitsrate sinkt und es gibt immer weniger Nachwuchs. Um den Fortbestand der Spinnengemeinschaft in Hannover zu sichern, hat Laborleiterin Dr. Sarah Strauß im Sommer 2024 Kontakt mit Australien aufgenommen, der ursprünglichen Heimat der Goldenen Radnetzspinne.
Langes Warten auf Ausfuhrgenehmigung
Bis die Genehmigung der australischen Behörden zur Ausfuhr der Spinnen-Kokons vorlag, musste Dr. Strauß allerdings viel Energie aufbringen, Geduld üben und Rückschläge wegstecken. Die Biologin wandte sich an australische Behörden, um befruchtete Kokons zu erhalten. Aber die Ausfuhr lebender Tiere ist extrem reglementiert, nur gebürtige Australier dürfen unter hohen Auflagen Tiere außer Landes bringen. Dr. Strauß schrieb wissenschaftliche Einrichtungen, Universitäten und Zoos an und bat um Unterstützung. Der Kurator der Abteilung für Spinnentiere des „Australian Museum“ in Sydney antwortete als einziger und versprach zu helfen. Doch obwohl die Goldene Radnetzspinne in Australien ähnlich wie die Kreuzspinne in Deutschland eine weit verbreitete Art ist, waren die Tiere nicht aufzufinden. Möglicher Grund: der Klimawandel. Ende Februar meldete sich schließlich der australische Kollege, er habe endlich Kokons gefunden.
Aufwendige Transportvorbereitungen
Mit Hilfe des Zentralen Tierlabors der MHH wurde der Transport organisiert, besondere Transportröhrchen mit Sterilfilter nach Australien geschickt, um die Kokons sicher und vor Keimen geschützt verpacken zu können und eine auf Tiertransporte spezialisierte Firma beauftragt, die Überführung der Kiste von Australien nach Deutschland zu betreuen. Nach veterinärmedizinischer Begutachtung am Frankfurter Flughafen brachte die Transportfirma die Kiste nach Hannover zum Zentralen Tierlabor. Dort folgte eine veterinärmedizinische Eingangskontrolle, bis die zwölf befruchteten Kokons Anfang September 2025 endlich in ihr neues Zuhause, dem Spider Silk Laboratorium (Deutsch: Labor für Spinnenseide) in Hannover, einziehen durften.
Die australischen Jungtiere der Goldenen Radnetzspinne leben und jagen zunächst in einem gemeinsamen Netz
Warten auf die Geschlechtsreife
„Einige Kokons liegen noch in speziellen Quarantänebehältern, die bereits geschlüpften Spiderlinge haben wir dagegen in Schmetterlingskäfige umgesetzt, die wir als Spinnen-Kinderstube nutzen“, erklärt die Laborleiterin. Die Mini-Spinnen leben dort noch nicht wie die ausgewachsenen Tiere als Einzelgänger, sondern in einem Gemeinschaftsnetz. In Teamarbeit fangen die Winzlinge ihre viel größere Beute: Fruchtfliegen, die das Institut für Zellbiochemie für die Aufzucht spendiert. Bis die Spiderlinge (= noch nicht geschlechtsreife Spinnen) fortpflanzungsfähig werden, dauert es sechs bis neun Monate.
Erste Verpaarungen in Quarantäne
Ob das so auch mit dem australischen Neuzugang funktioniert, weiß Dr. Strauß noch nicht. „Unsere Spinnen stammen ursprünglich aus deutschen Zoos. Sie leben seit Generationen bei uns und könnten durch die Isolation ihre eigene Sprache entwickelt haben“, gibt die Biologin zu bedenken. Die Männchen zupfen am Netz, wenn sie in Kontakt mit den Weibchen treten wollen. Ob in der australischen Wildnis auf gleiche Art gezupft wird, ist noch unklar. Schon optisch unterscheiden sich die rötlichbraunen Neuankömmlinge von den cremefarbenen Labor-Spinnenbabys. Auch die Verträglichkeit der Seidenfäden muss in Zellkultur neu überprüft werden. „Ich gehe aber davon aus, dass es da keine Probleme gibt“, sagt Dr. Strauß. Die ersten Verpaarungen werden vorsichtshalber in Quarantäne erfolgen. Dann, so hofft die Biologin, wird es künftig wieder mehr besetzte Netze im Spider-Labor in Hannover geben.
Vielfältiger Einsatz der Spinnenseide
Auch Professor Dr. Peter Vogt freut sich über den Spinnenzuwachs, der die Forschung und Anwendung mit der Spinnenseide auch in Zukunft ermöglichen soll. Spinnenseide ist bekannt für ihre besonderen mechanischen Eigenschaften wie extreme Dehnbarkeit und Reißfestigkeit. An der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Hannover wird der Haltefaden der Goldenen Radnetzspinne verwendet – sozusagen ihr Sicherungsseil, welches sie reflexhaft produziert. Die Seide ist extrem dünn, im menschlichen Körper vollständig abbaubar und eignet sich als Biomatrix zur Besiedlung mit Körperzellen. Die Fäden helfen bei der Rekonstruktion zerstörter Nerven sowie für die Gewebezucht, etwa beim Ersatz zerstörter Haut, Knorpel und Sehnen.
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