Termine & Themen

Hannah Arendt und die NS-Provenienzforschung

Thema am 9. April im Museum August Kestner: Die Jewish Cultural Reconstruction Inc. und die Suche nach NS-Raubgut in Hannover.

Dr. Johannes Schwartz, Silke Bremer

Wie unterscheidet sich die Provenienzforschung heute von den damaligen Bemühungen der Jewish Cultural Reconstruction Inc.“ (JCR) um Restitution? Welche Anknüpfungspunkte, Verbindungslinien und Parallelen kann man in der Provenienzforschung der Stadtbibliothek, der Museen für Kulturgeschichte und des Stadtarchivs der Landeshauptstadt Hannover heute entdecken? Und wie kann das wissenschaftliche Werk Arendts heute die NS-Provenienzforschung bereichern?

Am 15. Februar 1949 erhielt die seit 1947 aktive Vereinigung „Jewish Cultural Reconstruction Inc.“ (JCR) mit Sitz in New York den vertraglich geregelten Auftrag der US-amerikanischen Militäradministration in Deutschland, die Verantwortung für erbenlose jüdische Kulturgüter in der US-amerikanischen Besatzungszone zu übernehmen. Die JCR übernahm dabei die Belange der Kulturrestitution im Auftrag der wichtigsten damals aktiven internationalen jüdischen Organisationen aus Palästina/Israel, den USA und Europa. So erhob sie für sich den Anspruch, das jüdische Volk weltweit zu vertreten. Sie war zuständig für jene Kulturgüter, die nicht unter das Rückerstattungsgesetz fielen. Im Laufe ihrer Tätigkeit nahm die JCR über 500.000 Bücher und mehrere tausend Ritualgegenstände, Archivalien, Dokumente, Bilder, Möbel und andere Kunstobjekte in Verwaltung und verteilte sie an jüdische Gemeinden und Institutionen in aller Welt.

Hannah Arendt, Geschäftsführerin der JCR seit Juni 1949, bereiste 1949/50 Deutschland und fuhr auch in die britische Besatzungszone, u. a. nach Hamburg und Hannover. Wenn die JCR bei ihren Recherchen private jüdische Eigentümer*innen identifizieren konnte, war sie nach dem Gesetz verpflichtet, ihnen die Kulturgüter zurückzugeben. So bot Arendt auch dem in New York City lebenden, aus Breslau geflüchteten jüdischen Schriftsteller und Lehrer Meinhardt Lemke 30 Bücher an.

An diese Praxis knüpft die Provenienzforschung zu NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern in Museen, Bibliotheken und Archiven heute an. So konnte in der Stadtbibliothek Hannover ein im Nationalsozialismus geraubtes Buch Lemkes identifiziert und 2025 an seine Erb*innen restituiert werden.

Die Referent*innen

Silke Bremer ist Historikerin und seit 2023 Provenienzforscherin zu NS-Raubgut an der Stadtbibliothek Hannover. Aktuell bearbeitet sie ein vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördertes Projekt zur ausschließlichen Erbenermittlung.

Dr. Johannes Schwartz ist promovierter Historiker und seit 2016 wissenschaftlicher Sachbearbeiter der Landeshauptstadt Hannover für Provenienzforschung in den Museen für Kulturgeschichte und im Stadtarchiv. Seit 2025 ist er stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V. 

Termine

09.04.2026 ab 18:00 Uhr

Ort

Museum August Kestner
Platz der Menschenrechte 3
30159 Hannover

Dies ist eine Veranstaltung mit freiem Eintritt

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich
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