Die Stadtbibliothek Hannover hat das Exemplar von Johann Gottfried von Herders „Stimmen der Völker in Liedern“ im Rahmen der Provenienzforschung als Eigentum von Else Kreuzer identifiziert.
Entdeckt wurde das Buch im Bestand 2024. Den entscheidenden Hinweis lieferte eine handschriftliche Widmung: Else Kreuzers älterer Halbbruder Willy Hausen hatte ihr das Buch zum Jahreswechsel 1908/09 geschenkt. Neben den Namen und dem Datum enthält die Widmung auch den Ort Lissa, heute Leszno in Polen.
Weitere Recherchen ermöglichten es, ihre Lebens- und Verfolgungsgeschichte zu rekonstruieren und ihre Nachkommen ausfindig zu machen. Ausgewertet wurden unter anderem Geburtsurkunden und Wiedergutmachungsakten der Nachkriegszeit. Schließlich konnte die Stadtbibliothek Hannover Kontakt zu Atalia Shafir, der Enkelin von Else Kreuzer in Israel herstellen.
Das Buch und seine Eigentümerin
Else Kreuzer, geborene Goldschmidt, wurde am 4. März 1896 als Tochter des Kaufmanns Emil Goldschmidt und seiner Frau Ida in Lissa geboren. Nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Bernhard Kreuzer aus Bückeburg zog sie in die Umgebung von Hannover. Ab 1921 lebte das Ehepaar in Wunstorf, wo es ein Textilwarengeschäft führte. Ihre beiden Söhne Hans-Joachim und Klaus wurden in Hannover geboren.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war die Familie antisemitischer Hetze und Ausgrenzung ausgesetzt. Das Geschäft wurde boykottiert und schließlich verkauft. Nach dem Novemberpogrom 1938 und der zeitweiligen Inhaftierung von Bernhard Kreuzer im Konzentrationslager Buchenwald zog die Familie nach Hannover. Ihr ältester Sohn Hans-Joachim konnte im Juni 1939 nach Palästina auswandern. 1941 mussten Else, Bernhard und Klaus Kreuzer in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Lützowstraße 3 umziehen. Von dort aus wurden sie am 15. Dezember 1941 von Hannover in das Ghetto Riga deportiert und 1944 in das Konzentrationslager Stutthof verschleppt. Else Kreuzer starb dort am 29. November 1944 im Alter von 48 Jahren. Auch Bernhard Kreuzer starb in Stutthof. Der dreizehnjährige Klaus wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Hans Joachim überlebte die Shoah und gründete in Israel eine Familie.
Wie das Buch in die Stadtbibliothek kam, lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren. Bekannt ist aber, dass die Stadtverwaltung während der NS-Zeit den Hausrat aus zwangsgeräumten jüdischen Wohnungen in Sammellager brachte, schätzen ließ und teilweise versteigerte. Es ist zu vermuten, dass auch das Buch von Else Kreuzer auf diesem Weg in den Besitz der Stadt gelangte.
Hintergrund
Die Stadtbibliothek Hannover untersucht seit 2017 ihre Bestände systematisch auf NS-Raubgut. Ziel ist es, frühere Eigentümer*innen beziehungsweise ihre Erb*innen zu ermitteln und die Bücher zurückzugeben. Die Provenienzforschung wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert.
Mit dem Buch von Else Kreuzer konnten bislang insgesamt 28 Bücher an 17 Erb*innen beziehungsweise Rechtsnachfolger*innen restituiert werden.
Das restituierte Buch von Johann Gottfried von Herder Stimmen der Völker in Liedern. Halle an der Saale: Otto Hendel, ohne Jahresangabe ist in der Datenbank „Looted Cultural Assets“ dokumentiert.